Kategorie: Zeitschrift – Kostenpflichtig

Artikel der Kategorie: Zeitschrift – Kostenpflichtig

  • Zuhause in der Welt. Zu Amartya Sens Erinnerungen

    Im Alter von vierzig Jahren gründete der Schriftsteller Rabindranath Tagore in einem ländlichen Teil des heutigen indischen Bundesstaats Westbengalen, etwa 150 Kilometer nördlich von Kalkutta, eine kleine Schule und gab ihr den Namen Shantiniketan – Heimstatt des Friedens. Das war im Jahr 1901. Zwanzig Jahre später rief er gleich daneben eine Universität ins Leben und gab ihr den Namen Visva-Bharati – eine Verbindung der beiden Sanskrit-Wörter für Welt und Weisheit. Das Motto: »Wo die ganze Welt in einem Nest zusammenkommt«. (mehr …)

  • Politiken der Arbeit

    Es war André Gorz, der vor rund vierzig Jahren mit seinem Buch Abschied vom Proletariat die ersten Fundamente für das Projekt eines bedingungslosen Grundeinkommens gelegt hat. Damals plädierte er dafür, von der marxistischen Vorstellung einer sich durch die Erfahrungen im Arbeitsprozess automatisch revolutionierenden Arbeiterklasse endgültig Abschied zu nehmen und stattdessen nach Möglichkeiten einer Revitalisierung demokratischen Engagements jenseits der Erwerbstätigkeit zu suchen. Das Mittel, das ihm dafür geeignet schien, war das der Auszahlung eines regelmäßigen, an keinerlei Bedingungen geknüpften Mindesteinkommens an alle erwachsenen Gesellschaftsmitglieder, das hoch genug sein sollte, um frei von ökonomischen Sorgen nach je eigenem Gutdünken im öffentlichen Raum aktiv zu werden.2

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  • Der große Freund

    Philosophie ist, nach einer berühmten Formulierung Hegels, »ihre Zeit in Gedanken erfaßt«. Die Beschäftigung mit Alltag und News ist daher keine bloße Nebentätigkeit. Auch kein pädagogischer Zusatz, mit dem der Philosoph den Leuten mitteilt, was er im stillen Kämmerlein herausgefunden hat. Sie ist das Material, von dem er lebt, der Unruhepol im eigenen System, der Geist, der alles in Bewegung hält und zu Veränderungen der Theorie führt. Krisenzeiten, in denen die Ordnung ins Rutschen gerät, sind daher Denkzeiten. (mehr …)

  • Das Gespenst der Maschine, die mich schreibt

    Die Gegenwart ist die offene Zeit, in der ich mich nicht auskenne, aber gleichzeitig einer der wenigen Orte, an dem ich Entscheidungen treffen kann. Gleich, übermorgen, sofort, nächste Woche, am besten nie. Aber ist die Gegenwart überhaupt ein Ort? Wenn sie kein Ort wäre, wo würde ich mich dann befinden? Gleichviel. Dringender ist eine andere Frage: Was ist jetzt zu schreiben, in dieser Gegenwart? Was ist jetzt zu tun? Und wie, auf welche Weise ist jetzt zu schreiben? Was muss jetzt übersetzt werden? Was möchte ich lesen können, in dieser Gegenwart? (mehr …)

  • Zirkulation des Publikums

    Verschwundene Dinge hinterlassen Spuren ihrer vergangenen Präsenz. Dafür braucht es nicht viel. Ein heller Fleck an der Wand, ein Kaufbeleg in einer leeren Plastiktüte, Schwermetalle im Schrebergarten, vielleicht ein flüchtiger Geruch oder eine merkwürdige Redewendung zeigen bereits an, dass da etwas gewesen sein muss. Es gehört zu den Schlitzohrigkeiten der Zeichen gegenwärtiger Absenz, dass nicht nur die verschwundenen Dinge selber, sondern auch die Spuren ihres Verschwindens sehr unterschiedliche Halbwertszeiten haben. (mehr …)

  • Kunst, du Holde. Ein Kulturtrip

    Wie war dein Kultursommer? Die Frage verblüffte mich, obwohl niemand sie mir persönlich stellte, sie stand herausfordernd auf einem Plakat am hinteren Bahnsteig, wo es doch meistens um Reiseschokolade geht. Die Frage kam mir sinnlos vor, denn was sollte das Präteritum in einer Werbebotschaft, die nach vorne gerichtet sein sollte. (mehr …)

  • Mit nur einer Schere

    August in Niederbayern. Mit dem Rad, das meinem Großvater gehört hat, fahre ich tief in den Wald. Hier ist es nicht so heiß wie draußen, es hat wochenlang nicht geregnet. 2022 ist das Jahr Null der Klimakatastrophe. Ich fahre vor diesem Gedanken weg, an einen Ort, an dem ein Bach im Boden verschwindet. Zu dem Ort gibt es eine Legende: Der Geist einer reichen und geizigen Bäuerin sei dazu verdammt, hier umzugehen, weil sie mit ihren beiden Töchtern immer nachts Getreide von den Feldern der Nachbarn gestohlen haben soll. Die Geschichte steht auf einer Tafel im Wald, neben einem Marienbildstock, der zum Gebet auffordert. (mehr …)

  • Ökologie und Radikalität. Anmerkungen zur „Letzten Generation“

    Der historische Vergleich erfreut sich im politischen Diskurs großer Beliebtheit. In den seltensten Fällen bricht sich dabei eine besondere Geschichtsbegeisterung Bahn, in aller Regel geht es vielmehr um die Gegenwart. Sehr häufig dient der Verweis auf die Historie dazu, Traditionslinien zu konstruieren. Ein rezentes Beispiel für diese Strategie ist etwa die Ansprache des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am 8. März 2022 vor dem britischen Unterhaus, in der er Churchills berühmte Durchhalterede We Shall Fight on the Beaches zitierte und sich damit, durchaus nicht ohne Erfolg, in dessen Nachfolge stellte.

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  • Ziviler Ungehorsam. Von Martin Luther King zur „Letzten Generation“?

    Seit geraumer Zeit halten die Aktionen der »Letzten Generation« die deutsche Öffentlichkeit in Atem, ja, im Grunde bereits seit dem Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021, als einige Initiatoren in den Hungerstreik traten und damit versuchten, Gespräche mit den Spitzenkandidaten der wesentlichen Parteien zum Thema Klimaschutz zu erzwingen. Seitdem hat sich das Repertoire an Aktionsformen erweitert: allen voran die Sitzblockaden auf zentralen Straßen und die Interventionen in Kunstmuseen oder anderen Kultureinrichtungen oder auch am Hauptstadtflughafen BER. (mehr …)

  • Versagen der Vorstellungskraft. Der Kampf gegen das iranische Regime

    Als iranische Gerichte Mitte November vergangenen Jahres erstmals einen der Demonstranten zum Tode verurteilten, waren mutmaßlich bereits 326 Menschen bei der gewalttätigen Niederschlagung der Proteste getötet worden – ein weiterer Beleg für die Brutalität und den moralischen Bankrott der Islamischen Republik. Aber auch ein Indiz für die Ratlosigkeit eines Regimes, das zunehmend den Bezug zu den Wünschen seiner Bevölkerung verliert. (mehr …)