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März 31, 2023 - Keine Kommentare
Hinweis der Redaktion: Dies ist die Langfassung des im April 2023 in der Printausgabe erschienenen Texts
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“Unter technologischen Bedingungen verschwindet die Literatur … im Untod ihres endlosen Verendens.” So steht es, fast am Ende, geschrieben in Friedrich Kittlers Aufsatz Draculas Vermächtnis von 1982. Zusammen mit anderen Texten aus dieser Zeit ist er im ersten erschienenen Band der Werkausgabe Kittlers. Mit den technologischen Bedingungen der Digitalität setzt sich die Ausgabe auseinander und modelliert neue Standards, wie mit Archiv und Gedächtnis umgegangen werden kann. Daher lohnt es sich, gemeinsam darüber nachzudenken, wie das endlose Verenden der Literatur und des Schreibens über Literatur und andere Medien gestaltet werden können. Am 26. September 2022 habe ich das in einem Gespräch versucht. Teilgenommen an dem Gespräch haben Moritz Hiller, Medienwissenschaftler an der Bauhaus-Universität Weimar und Mitherausgeber der Werke Kittlers; Susanne Holl, die den 2011 verstorbenen Kittler noch während seiner Lehrtätigkeit in Bochum kennenlernte und 1995 heiratete; Kathrin Kur von der Data Futures GmbH, einem Nonprofit-Unternehmen aus Leipzig, das die technische Infrastruktur für die Edition entwickelt; Tom Lamberty, dem Verleger von Merve, wo die Kittler-Ausgabe erscheint; Martin Stingelin, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Dortmund und ebenfalls Mitherausgeber der Werkausgabe.
Guido Graf Ich habe davon gehört, dass eine Werkausgabe von Friedrich Kittler in Arbeit ist. Als ich die Ankündigung von Merve gesehen habe, dass der erste Band erscheint, war ich erst mal verwirrt über den Titel I.B.4 und habe dann, als ich das Buch in den Händen hielt, bei einem Text gedacht, in dem es um das Schreien auf Bühnen, Platten und Papieren geht: Den hätte ich damals kennen müssen, als ich mit Friedrich Kittler in einem Café in Berlin Tempelhof gesprochen habe. Im Erdgeschoss des Hauses, in dem er damals wohnte, haben wir in einem Lokal zusammengesessen, im Hintergrund lief Karnevalsmusik, und wir sprachen für ein Hörstück, an dem ich gearbeitet habe, über das Schreien.
Susanne Holl War das 1998?
Guido Graf Ja, genau.
Susanne Holl Es ging um Literaturgeräusche, nicht wahr? Ich wollte ohnehin fragen, ob dieses Interview tatsächlich zustande kam und ob es gesendet wurde. Damit hängt nämlich auch eine erste Antwort auf noch nicht einmal gestellte Frage zusammen, warum das eigentlich so lange dauert. Wir müssen sehr, sehr viel aus dem Nachlass aufarbeiten. Dazu gehören viele Korrespondenzen, aus denen wir dann erst erfahren, dass es so ein Interview von Guido Graf mit Friedrich Kittler gegeben hat.
Guido Graf Das ist tatsächlich gesendet worden. Allerdings nur Teile daraus, in einem Feature. Wir konnten damals nicht in der Wohnung sprechen, weil die Handwerker im Haus waren. Aber die Radiobedingungen waren durch die Hintergrundmusik auch in der Gaststätte nicht gerade ideal. In Bezug auf den Gegenstand unseres Gesprächs war es auch interessant war. Das war meine erste Begegnung mit Kittler. Ich habe ihn dann später noch mal in Hamburg im Literaturhaus gesehen, wo er mit Durs Grünbein ein Gespräch über dessen Descartes-Buch geführt hat. Nach seinem Tod habe ich bis 2022 kaum noch etwas von Kittler gelesen. Aber als ich jetzt, im Jahr 2022, den ersten Band der Werkausgabe in den Händen hielt, habe ich mich gefragt, will ich noch mal Kittler lesen? Diese Frage würde ich aber gerne an Sie alle zurückgeben. Warum jetzt Kittler lesen? Warum sollte jemand heute etwas, ob das ein früher Text ist wie die, die jetzt in dem Band sind, oder auch etwas, was sehr viel später entstanden ist, von Friedrich Kittler lesen?
Kathrin Kur Die Idee des Verschwindens des Materiellen, Kittlers Hinterfragen von Materialität und Technologie ist für mich sehr relevant.
Martin Stingelin Guido hat eine doppelte Frage gestellt und ich versuche, dreifach zu antworten. Seit Ende der 1970er Jahre, als er zum ersten Mal publizistisch in Erscheinung getreten ist, hat Friedrich Kittler eine bis heute anhaltende Aktualität in mehrfacher Hinsicht bestritten, behauptet, verkörpert. Er hat die Germanistik in die Medienwissenschaft überführt. Er hat die Germanistik überrascht durch den Umstand, dass die von ihr behandelten Texte geschrieben worden sind, indem er nachfragt, was es heißt, dass Texte geschrieben worden sind. Nicht immer mit Feder und Tinte, früher mal auch in Stein gemeißelt. Irgendwann gab es eine Mechanisierung des Schreibens durch die Erfindung der Schreibmaschine, dann eine Digitalisierung des Schreibens. Kittler war der erste, der, indem er dies reflektiert hat, die Germanistik in die Medienwissenschaft überführt. Die Welt ist bis heute darüber überrascht, und zwar vollkommen zu Recht. (lesen ...) -
März 10, 2023 - Keine Kommentare
Wir haben in diesem Jahr den Merkur-Preis doppelt vergeben, an die Rechtswissenschaftlerin Samira Akbarian (Goethe-Universität Frankfurt) für ihre Studie zum Thema Ziviler Ungehorsam als Verfassungsinterpretation. Ausgezeichnet wird zum anderen der Zeithistoriker Benedikt Sepp (LMU München) für die Arbeit Das Prinzip Bewegung. Theorie, Praxis und Radikalisierung in der West-Berliner Linken (1961−1972).
Am 24. März werden beide in der Merkur-Redaktion ihre Arbeiten vorstellen, im Gespräch miteinander, sicher auch über juristische und historische Aspekte des zivilen Ungehorsams, um die es in den Arbeiten geht.
Die Veranstaltung ist öffentlich, Beginn 18 Uhr, der Eintritt ist frei, allerdings sind die Plätze begrenzt. Wir bitten deshalb um Anmeldung unter redaktion@merkur-zeitschrift.de. -
Februar 21, 2023 - Keine Kommentare
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A: Was glaubst Du, wird jetzt aus der Documenta?
B: Ich bin mir nicht sicher, ob es sie noch gibt.
A: Warum?
B: Die Documenta war eine der erfolgreichsten Kunstinstitutionen der Welt, und sie war für ihre Geheimniskrämerei berühmt. Wie jeder amerikanische Präsidentschaftswahlkampf eine neue Form von Medienkampagne hervorbrachte, so brachte jede Documenta ihren eigenen Stil der Irreführung und Mystifikation zur Geltung. Das war ein Teil ihres Nimbus, und das war ihr Beitrag zum Boulevard-Theater. Die d15 war da keine Ausnahme, sondern nur die vorerst letzte Variante des Themas. Und das indonesische Kuratorenteam ruangrupa hat einige Betriebsgeheimnisse bis zuletzt gewahrt und entpuppte sich darin als stolze Vertreterin ihrer Zunft. Damit hat es jetzt ein Ende. (mehr …) -
Februar 02, 2023 - Keine Kommentare
Leider ist uns in den Credits des Februarhefts ein Fehler unterlaufen: Die bio-bibliografischen Informationen zu Susanne Neuffer sind falsch beziehungsweise passen auf unsere Autorin Sibylle Severus, deren Text Fußball Spiele wir im Januarheft veröffentlicht haben. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. Die korrekten Informationen lauten:
Susanne Neuffer, geb. 1951, Autorin. 2019 erschien Im Schuppen ein Mann; 2022 Sandstein. Zwei Novellen.
www.susanne-neuffer.de -
Januar 05, 2023 - Keine Kommentare
Der Merkur-Preis für herausragende Dissertationen, gestiftet 2019 von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur, wird für das Jahr 2022 erstmals und ausnahmsweise doppelt vergeben. Die Preissumme von 3.000 Euro wird dementsprechend ebenfalls verdoppelt.
Ausgezeichnet wird zum einen die Rechtswissenschaftlerin Samira Akbarian (Goethe-Universität Frankfurt) für ihre Studie zum Thema Ziviler Ungehorsam als Verfassungsinterpretation. Ausgezeichnet wird zum anderen der Zeithistoriker Benedikt Sepp (LMU München) für die Arbeit Das Prinzip Bewegung. Theorie, Praxis und Radikalisierung in der West-Berliner Linken (1961−1972). (mehr …) -
Dezember 12, 2022 - 1 Kommentar
In vielen Bereichen meiner Universität, die Opfer eines Angriffs auf ihre digitale Infrastruktur geworden ist, kann man derzeit die Wiederkehr des Analogen, des Präsentischen innerhalb der Ära der Digitalisierung beobachten. Es ist die Wiederkehr der prädigitalen Universitätskommunikation. Die Universität ist wie früher: Sprechstunden werden über Zettel an der Bürotür bekanntgegeben, der Lehrkörper ist bis auf die geforderte Präsenz in den Lehrveranstaltungen und in den Sprechstunden nicht erreichbar, korrigierte Hausarbeiten werden per Post versendet, aus PDFs in digitalen Semesterapparaten, auf die man von überall aus Zugriff hatte, werden Kopiervorlagen in Aktenordern, die in Regalen in der Bibliothek stehen. Die Dauerkommunikation der digitalisierten Universität scheint für wenige Augenblicke angehalten worden zu sein. (mehr …) -
Dezember 05, 2022 - 1 Kommentar
Im deutschen Feuilleton gibt mitunter das Halbwissen die Marschroute vor, sobald Annie Ernaux’ politisches Denken zur Sprache kommt: Hilmar Klute hat am Samstag in der Süddeutschen Zeitung zwei engagierte Schriftsteller nebeneinandergestellt und kam dabei zu eindeutigen Kurzschlüssen. Während er Heinrich Böll in gleißendem Licht erstrahlen lässt, wirkt Ernaux nur wie ein müder, opportunistischer, politischer unappetitlicher Abklatsch des streitfreudigen Intellektuellen. (mehr …) -
Oktober 12, 2022 - Keine Kommentare
Am 4. Oktober hat an dieser Stelle der Historiker Martin Sabrow auf meinen Text aus dem September-Heft des Merkur geantwortet ("Erfurt zum Beispiel. Zur Frage der Straßennamen"). Ich möchte meiner Erwiderung zwei Bemerkungen voranstellen.
Die erste: Ich freue mich über den Beitrag. Wie in meinem Text erwähnt, sind Straßennamen "banale Objekte" (Maoz Azaryahu), und das sind sie erst recht im öffentlichen Diskurs. Diskussionen finden zumeist lokal statt, an Systematisierung mangelt es, eine größere Debatte in der Sache ist folglich begrüßenswert. Was mich zu meiner zweiten Vorbemerkung führt: Mich wundert an manchen Stellen Sabrows Wortwahl. (mehr …) -
Oktober 04, 2022 - Keine Kommentare
Matthias Dells Text war in: Merkur 76, September 2022, S. 41-53, erschienen und ist hier frei online zu lesen
Im September-Heft des Merkur hat Matthias Dell in der Diskussion um die Umbenennung deutscher Straßennamen eine polemische Bemerkung an den Zeithistoriker Hanno Hochmuth gerichtet, die ich nicht unwidersprochen lassen möchte, zumal sie die Geschichtskulturforschung insgesamt betrifft. (mehr …) -
September 15, 2022 - 2 Kommentare
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Was zuerst auffällt, ist die Leere. Die zentralen Plätze, die bei vergangenen documenta-Ausstellungen mit spektakulären, raumgreifenden Werken gefüllt waren, bleiben dieses Mal leer. Oder fast leer: Auf dem Friedrichsplatz steht in der Mitte seltsam verloren ein Zelt, wie man es aus Flüchtlingslagern wie Moria zu kennen meint, das durch ein kleines Schild als „Aboriginal Embassy“ gekennzeichnet ist; auf der Rasenfläche vor der Orangerie steht zentral ein weiteres kleines Zelt aus Naturmaterialien (Yakhaar, so lernen wir aus dem Katalog), das von außen mit keiner Markierung seinen Zweck zu erkennen gibt. (mehr …)