• Über Vandalismus

    An einem Aprilabend verließ ich im Dunkeln das Haus, um mir etwas zu essen zu holen. Ich überholte eine Gruppe von drei Männern, die ohne Eile auf dem Bürgersteig vor mir gingen. Sie lachten und knufften sich gegenseitig auf eine Art und Weise, die mir nicht ausschließlich freundlich vorkam. Sie waren laut, ich glaubte: betrunken. Die Sprache, in der sie miteinander redeten, klang für mich nach Russisch. Aber vielleicht war es auch Ukrainisch. Oder noch eine andere Sprache? Ich beherrsche weder die eine noch die andere und kann sie nicht unterscheiden. Ich schämte mich dafür. Einer trat auf ein Fahrrad am Rand des Bürgersteigs ein, und ich meinte, das Wort (also: Vandalismus) zu verstehen. Aber wer weiß? (mehr …)

  • Zur politischen Figur des Parasiten

    Der Parasit ist kein Sympathieträger. Er gilt als abstoßendes Lebewesen, das nicht auf symbiotische Beziehungen zu seiner Lebensumwelt setzt, sondern seinen Wirt einseitig schädigt; in manchen Fällen bis hin zu dessen physischem Tod. Tatsächlich gehen die meisten Parasiten geschickter vor und vermeiden es, mit ihrem Wirt zugleich die eigene Lebensgrundlage zu vernichten. Cymothoa exigena, die große Assel, frisst zwar die Zunge ihres Wirtsfisches von innen heraus auf, um sich an deren Stelle in dessen Mund festzusetzen und auf diese Weise ohne weitere Anstrengungen an dessen Nahrungsaufnahme teilzuhaben, tötet ihn dabei aber nicht. Damit ist das entscheidende Merkmal der Begriffsbestimmung benannt, die nicht nur die biologische Bedeutung, sondern auch die übertragene Verwendung des Begriffs im Alltag prägt: Der Parasit lebt auf Kosten anderer. (mehr …)

  • Im Eifer des Gefechts

    Der Eifer des Gefechts schafft nur Probleme: Eifrige Menschen übersehen oder übertreiben etwas, übernehmen sich oder überreizen ihr Blatt, überspannen den Bogen oder überhören Signale. Wer sich nicht beherrschen kann, muss damit rechnen, dass ihm der Eifer am Ende sogar das Gefecht ruiniert. (mehr …)

  • „Angebote machen“. Demokratie als Konsum

    Deutschland, 26. September 2021, 18 Uhr. Die Wahlen zum Deutschen Bundestag gehen zu Ende. Pünktlich um 18 Uhr kommen die Prognosen. Millionen Menschen beobachten, wie sich die Balken der aktuellen Umfragen verändern. Die ersten Hochrechnungen werden veröffentlicht. Freude hier, Enttäuschung dort. In den Fernsehstudios wird schnell hin- und hergeschaltet, man moderiert professionell durch einen Abend, der viele Fragen aufwirft. Wer stellt nun die Regierung? Für welche Koalition reicht es, für welche nicht? (mehr …)

  • Mythen der Entmythologisierung. Bilderstreit zum Tag von Potsdam

    Der Historiker Lothar Machtan versteht sich als Aufklärer – ob bei seinem Text Wie Fotos Politik machen (sollen) im Merkur oder in seinem 2021 erschienenen Buch Der Kronprinz und die Nazis.1 In der jahrelangen Hohenzollern-Debatte sieht er nur »zeitgeistlich-sarkastisches Geraune« und parteiische Gutachten mit dürftiger Empirie, die keinen fachwissenschaftlichen Standards standhalten, sondern wegen ihrer Konzessionen an die Auftraggeber eine Art Gesinnungsliteratur darstellen. Auch die übrige Literatur zu dieser Thematik sei »nicht besonderes erhellend«. Er hingegen habe die »Kärrnerarbeit einer gezielten archivalischen Recherche« auf sich genommen, um ergebnisoffen und fundiert den Sachverhalt aufzuklären. (mehr …)

  • Bucklicht Männlein. Hanna Arendts Benjamin-Porträt

    Das Porträt bildet fast so etwas wie eine eigene Untergattung in Arendts Essayistik. Einige ihrer Studien über Einzelpersonen hat sie 1968, im selben Jahr, in dem ihr Benjamin-Text in drei Folgen im Merkur erschien, zu dem Buch Menschen in finsteren Zeiten versammelt – unter anderem über Rosa Luxemburg, Isak Dinesen, Hermann Broch, Martin Heidegger und Karl Jaspers –, in dessen deutsche Ausgabe dann auch der Benjamin-Essay Eingang fand.1  (mehr …)

  • Wieder „nie wieder“. Bilder des Krieges

    Was haben wir gesehen? Welche Bilder haben wir im Kopf, wenn wir an den Krieg in der Ukraine denken? Die Antwort auf diese Frage fällt schwerer, als man meinen sollte, und die Schwierigkeit deutet bereits an, dass alte Muster der Erklärung nicht mehr ohne Weiteres greifen. Noch im Jahr 2001 zeigten 95 Prozent der US-amerikanischen und ein nur leicht geringerer Prozentsatz der europäischen Tageszeitungen am Tag nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York das gleiche Bild auf ihren Titelseiten: Spencer Platts Aufnahme der brennenden Türme kurz nach dem Einschlag des zweiten Flugzeugs.1  (mehr …)

  • Bürokratenehrenwort

    Wer schon immer erfahren wollte, wie der »Deep State« in Amerika wirklich funktioniert, dem bieten diese drei Bücher dafür einen verlässlichen Ausgangspunkt: Lessons from the Edge von Marie Yovanovitch, Here, Right Matters von Alexander S. Vindman und There Is Nothing for You Here von Fiona Hill.1 Alle drei Autoren waren hochrangige Beamte, als Donald Trump Präsident wurde, und der Öffentlichkeit die längste Zeit über unbekannt – sie waren im Stillen bis knapp unter die Oberfläche des außenpolitischen amerikanischen Establishments aufgestiegen. Und keiner von ihnen, davon darf man ausgehen, hätte seine oder ihre Memoiren geschrieben, wären sie nicht als Zeugen in Donald Trumps erstem Amtsenthebungsverfahren im Herbst 2019 zu nationaler Berühmtheit gelangt. (mehr …)

  • Kriegszivilgesellschaft. Philosophiekolumne

    I

    Eigentlich sind das Zivile und der Krieg Gegensätze. Der Zivilist ist kein Soldat. Jene Formel, die nach zwei Weltkriegen den deutschen Militarismus überwinden wollte, die Formel vom Bürger in Uniform, zielte auf die Zivilisierung des Militärs, auf dessen Bindung an Gesetz und Grundrechte. Nicht hingegen zielte sie auf die Militarisierung des Bürgers. Das hieß: Das Militär sollte vom Zweck des Krieges weggerissen und unter den Zweck des bürgerlichen Friedens gestellt werden. Wie auch immer die Wirklichkeit dieses Ideals aussah, so lautete der Gedanke. Er beruhte auf nichts anderem als dem Sachverhalt, dass der Bürger – und sei er in Uniform – eben kein Krieger ist. (mehr …)

  • Über Fehler in der Politik

    Zum Unterschied zwischen einem Verbrechen und einem Fehler

    »Das ist mehr als ein Verbrechen, das ist ein Fehler« – dieser dem französischen Staatsmann Charles Maurice de Talleyrand zugeschriebene Aphorismus kommt einem in den Sinn, wenn man die Diskussion darüber verfolgt, wie Bundespräsident Steinmeier über seine Russland-Politik als Außenminister der Großen Koalition unter Angela Merkel spricht und sich dabei vor allem gegen Vorwürfe des ukrainischen Botschafters in Deutschland und deren mediales Echo verteidigt. Im Spiegel-Interview vom 8. April 2022 erklärte er zu dem Vorwurf, dass er persönlich bis zuletzt an Nord Stream 2 festgehalten habe: »Das war ein Fehler, ganz klar. Ich habe mich zu lange damit beruhigt, dass Planungen für diese Pipeline schon vor 2014 stattgefunden hatten, und ich habe auf Dialog gesetzt.« Auf den vom Spiegel zitierten ukrainischen Vorwurf, er habe jahrelang eine naive Russland-Politik betrieben, antwortete er: »Wir sollten Putin nicht den Gefallen tun, die Verantwortung für seinen Angriffskrieg auf uns zu ziehen. Unabhängig davon müssen wir jetzt natürlich genau aufarbeiten, wo wir Fehler gemacht haben«, wobei er in das »Wir« ausdrücklich sich selbst einbezieht. (mehr …)