• Wacholderdrosseln aus der Zukunft

      An einem Wintermorgen ziehe ich den Vorhang des Fensters zum Hof beiseite, und zwanzig Vogelaugenpaare starren mich an, wir alle sind voneinander durchaus überrascht. Die Neuankömmlinge, im kahlen Geäst des Hofbaums hockend, die aufgeplusterten Körper sämtlich nach Osten gewandt, beunruhigt das nicht. Sie putzen ihr blaugraues Gefieder und schnattern sich Botschaften zu. In den Weinranken an der Wand sehe ich den lokalen Amselhahn, bis gerade eben noch unumschränkter Herrscher im Luftraum des Hofs. Er mustert die fremden Vögel, hält sich aber versteckt, es sind zu viele, und jeder von ihnen ist etwas größer als er selbst. Der Amselhahn ist nicht alt und weise geworden, indem er überlegene Gegner angegriffen hat. Leise zirpend verständigt er sich mit seiner Henne, die sich erst gar nicht aus dem Dickicht über dem Fahrradständer hervorwagt. Die Vögel im Baum sind Wacholderdrosseln. Anthrazitfarben-schwarz gesprenkelter Bauch, braunes Deckgefieder, gelber Schnabel mit schwarzer Spitze. Sie fliehen jedes Jahr in die Stadt, gegen Ende des Winters. Der Hunger treibt sie unter die Menschen, in die Bäume ihrer Parks, auf die wenigen Wiesen zwischen den Steinwüsten der Stadt. Wenn die Wacholderdrosseln kommen, so habe ich gelernt, wird es kalt werden, sehr kalt. Und die Hausamseln müssen eine Zeitlang in Deckung bleiben. Ich hole mir einen Kaffee, gehe wieder ans Fenster, zu den Drosseln, selten habe ich Gelegenheit, sie so nah zu beobachten. Wer die Wacholderdrosseln kennt, dem sagen sie einen Aspekt der Zukunft voraus. Sie sind nicht genauer als der Wetterbericht, aber ich muss kein technisches Gerät betätigen, um zu wissen, wie nun das Wetter werden wird, außerdem sind sie hübscher als ein Smartphone oder ein Radio, sehr lebendig gekleidet in ihre unbunten Farben. In ihrem Auftreten erinnern sie mich an ihre Cousins aus Übersee, die rotbäuchigen American Robins, jede ihrer Gesten eine Erinnerung an diesen bestimmten Spaziergang im Central Park. Beinahe hätte ich gedacht: in ihrem selbstbewussten Auftreten. Aber ich ahne ja nicht, was die Wacholderdrossel von sich weiß. Sicher würden die leise schnatternden Vögel bei den einschlägigen wissenschaftlichen Prüfungen, mit denen der Grad des Selbsterkennens bei verschiedenen Tierarten gemessen werden soll, durchfallen – ebenso wie die heimischen Amseln, die genau wissen, dass sie sich mit den Wacholderdrosseln besser nicht anlegen sollten, aber trotzdem genau das tun, zumindest ab und zu. Kennen sie alle ihre Kräfte? Kennen sie sich selbst? (…)

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  • Die Vermessung der Welt, jetzt aber richtig

    Am Morgen des 9. Dezember 2013 startet im europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana eine Rakete. An Bord ist der Satellit Gaia, und in ihm ein Teleskop, das die nächsten Jahre im Weltraum verbringen wird. In St Andrews, wo ich den Erstsemestern Astronomie beibringe, ist gerade Prüfungszeit. Während wir Studenten beraten, Examen korrigieren, Kurse beenden, Sitzungen absolvieren und über Notenverteilungen diskutieren, fliegt der Satellit Gaia einmal um die Erde herum, am Mond vorbei, und dann zu seinem Zielort, einem Librationspunkt der Erde. Librationspunkte sind Stellen im Weltraum, an denen kleine Körper kräftefrei ruhen können, festgehalten von den Schwerekräften zweier größerer Körper, in diesem Fall Sonne und Erde. Von nun an wird Gaia die Sonne umkreisen, immer gleich weit von der Erde entfernt, eineinhalb Millionen Kilometer über der Nachtseite unseres Planeten. (mehr …)
  • Ich-Kreise um meinen Garten

    In der gegenwärtigen Konjunktur des nature writing findet jener Raum wenig Beachtung, der den Übergang zwischen Natur und Kultur menschheitsgeschichtlich markiert: der Garten. Zu sehr unterscheidet er sich von den Gefilden, die in diesen Büchern durchmessen werden: Explizit als Begrenzung angelegt, kann der Garten kaum den Eindruck der Wildnis vermitteln, den die Autoren auf ihren Alten Wegen , im Flug eines Falken oder in der Zähmung eines Habichts suchen. Im Unterschied zu diesen Abenteurern sind Gärtner den Naturgewalten zumindest nicht lebensbedrohlich ausgesetzt; selten sind sie weit vom schützenden Haus entfernt. Daher haftet dem Garten oftmals das Stigma des Heimeligen, allzu Kultivierten, ja des Spießigen an, wie im Deutschen durch die Vorsilbe »Klein« suggeriert und durch die »Kolonie« institutionalisiert wird. Und doch befasst sich eine Reihe von Schriften in den letzten Jahren mit dem Verhältnis von Natur und Kultur gerade anhand des (eigenen) Gartens. Die literarischen Gartenbücher, um die es mir geht, sind allesamt (mehr oder weniger deutlich) autobiografische Texte, die nicht von Gartenexperten, sondern von gärtnernden Schriftstellerinnen, Philosophen und Journalisten geschrieben wurden. In gewisser Weise sind sie so etwas wie die biedere Schwester des nature writing , die sich beim Lesepublikum ebenso großer Beliebtheit erfreut wie ihre abenteuerlustige Verwandte. Historisch gesehen sind die Privatgärten, von denen in diesen Büchern die Rede ist, eine Errungenschaft des Biedermeier, ebenso wie die Schriften über deren Hege und Pflege. Prägend für den deutschsprachigen Raum war, allerdings nach der Jahrhundertmitte erschienen, Hermann Jägers Der Hausgarten: Ideen und Anleitung zur Einrichtung, Ausstattung und Erhaltung geschmackvoller Haus- und Vorstadtgärten, sowohl für den Luxus, als auch zur Nutzung (1867). In Jägers Ausführungen erkennt man einige Motive und Topoi, die in den Gartenbüchern bis heute in geradezu unheimlicher Konstanz wiederkehren. So etabliert Jäger den Hausgarten gleich zu Beginn als eine Gegenwelt zur Stadt, dem Raum der Arbeit. Im Garten steht der »Genuss« an erster Stelle, wiederholt wird auch von dessen »Behaglichkeit« gesprochen. Der Garten, ein Außenraum, der mit dem Hausbereich als eine Art »fortgesetzte Wohnung im Freien« in Verbindung steht, wird zu einem Ort der Innerlichkeit stilisiert, der das ästhetische Sensorium schult. Jäger plädiert für eine Mischung aus Nutz- und Schaugarten, die alle Sinne ansprechen soll, und begegnet schon Mitte des 19. Jahrhunderts der Sehnsucht der Stadtbewohner, sich autark von ihrem selbstgezogenen Obst und Gemüse zu ernähren, mit nüchterner Vorsicht, denn »eigentlich ist der Hausgarten nicht der Ort dazu und häufig der Nutzen nur ein scheinbarer«. Anders als der Gartenprofi Jäger sind die Autorinnen und Autoren der neueren Gartenbücher in erster Linie Textarbeiter, die sich als Amateure im Garten betätigen. Ihre Texte lassen sich als autobiografische Auslassungen in unterschiedlichen Formen (Tagebuch mit Datum, rückblickende Autobiografie etc.) verstehen. Die Tatsache, dass die Erzähler der literarischen Gartenbücher oft zugleich ihre Helden sind, sowie die Betonung ihrer Entwicklung, ihrer Lernfortschritte oder Rückschläge führt dazu, dass sich die Gartenbücher auch als Bildungsromane lesen lassen: Aus anfänglich unwissenden, ja naiven Anfängern im Garten werden nach und nach Spezialisten, deren besondere Kultivierungstalente sich erst im Lauf der Arbeit herausbilden. Literatursoziologisch betrachtet, gehören die meisten der Erzähler /Gärtner dem (Bildungs)Bürgertum an; sie befinden sich in ihrer »Gartenphase« häufig im mittleren beziehungsweise fortgeschrittenen Alter. Jakob Augstein ist fünfundvierzig, als sein Gartenbuch erscheint; Barbara Frischmuth ist bei ihrer ersten Gartenpublikation achtundfünfzig und zu Beginn ihrer Gärtnerei vierundvierzig Jahre alt, Byung-Chul Han Mitte fünfzig. Gleiches gilt für den in Deutschland erfolgreichen niederländischen Schriftsteller Marten t’Haart, dessen gesammelte Gartenkolumnen als Die grüne Hölle. Mein wunderbarer Garten und ich 2016 (in den Niederlanden 2004) erschienen sind, wobei er sich bereits 1982 im Alter von achtunddreißig Jahren »auf Kleiboden niederließ«. Christoph Braun verlässt Berlin für das niedersächsische Evessen im Alter von fünfunddreißig Jahren – die Liste könnte fortgeführt werden. Oft sind die Autoren aus der Stadt (Berlin respektive Wien oder Amsterdam) aufs Land zurückgekehrt oder zum ersten Mal dorthin gezogen; zumindest aber befindet sich ihr Garten am Stadtrand. Sie entstammen offenkundig einem Milieu, das neben den nötigen finanziellen Grundlagen für ein Grundstück mit Garten auch über Muße zur Gärtnerei, sprich Freizeit verfügt.

    Der Misanthrop

    Besonders augenfällig wird die Arbeit am und die Sorge um das Selbst(Porträt) des mittelalten Journalisten in Jakob Augsteins Buch Die Tage des Gärtners (lesen ...)
  • Marx-Publika

    Der gezielte Blick ins Gesicht des Marx-Publikums der Jubiläumswochen erinnert an Abbas Kiarostamis Film Shirin (2008): Neunzig Minuten lang zeigt die Kamera dort im Close-up die Gesichter des weiblichen Kinopublikums – im Rücken der Kamera die fiktive Verfilmung von Khosrow and Shirin , einer persischen Hofromanze aus dem 12. Jahrhundert, die um tragische Liebe und heroisches Opfer kreist. Im Flackern der Leinwand und im Hallraum der Tonspur strahlen die mehr als hundert Gesichter des Publikums (darunter das von Juliette Binoche) eine Mischung aus Langeweile und Sentimentalität aus, schwanken zwischen gebanntem Starren und seliger Selbstvergessenheit. Der Film stellt so nicht nur die Distanz zwischen Shirin auf der Leinwand und ihren Wiedergängerinnen im Publikum aus. In der Serialität seiner Einstellungen verknüpft er zudem elegant das Intime mit dem Kollektiven, während sich sein Plot auf eine Phänomenologie mimischen Ausdrucks reduziert: Seufzen, Fingernägelkauen, Lippenpressen, Weinen usw. Die Marx-Story, die in den vergangenen Jubiläumsmonaten im Feuilleton aus diversen Klischees zusammenmontiert wurde, besitzt ebenfalls episch-sentimentalen Charakter: Marx, der nicht mit Geld umgehen konnte, wurde im Bruderkrieg mit den Junghegelianern schwer verwundet und hat sich deshalb 1848 einfach mal das Proletariat ausgedacht, obwohl das Ganze, wie etwa Ulrike Herrmann in der Arte-Dokumentation Fetisch Karl Marx behauptet, eine »Kopfgeburt« gewesen sei, weil sich 1848 in Deutschland »nur Lumpenproletariat« herumgetrieben habe. Für dieses nichtexistierende Proletariat habe der »Moses des Kommunismus« (Zeit) dann mit dem Kapital eine Art Bibel geschrieben, denn Kommunismus war von Anfang an Religion, so der nicht nur von Gerd Koenen gerne bediente Topos, der ursprünglich von Nikolaj Berdjaev eingeführt worden war. Ergebnis waren natürlich »Millionen von Toten«, die Marx »symbolisch auf dem Kerbholz« hat, wie Denis Scheck im druckfrisch-Gespräch mit Jürgen Neffe festhielt. Weil all dem andererseits aber nicht nur viel Blut, sondern irgendwie auch Heroisches anhaftet, war es bei der vom Bundespräsidenten veranstalteten Matinee auf Schloss Bellevue Marcus Off, die Synchronstimme von Johnny Depp als Piratenkapitän Jack Sparrow in Fluch der Karibik , der vorab aus den Marx-Texten vorlesen durfte. Und wie um zu bebildern, dass dieses ganze Spektakel überflüssig ist, ging es in der Dokufiktion Der deutsche Prophet (Regie Christian Twente) dann konsequenterweise von Anfang an nur noch um den Bart von Mario Adorf, der den Opa Marx spielen durfte. Was soll man dazu nun sagen? »Ein solches Verhalten betrachten wir als Heuchelei« hieß es zu derlei eklektischen Appropriationszeremonien schon auf der Demo gegen die Marx-Feierlichkeiten in Trier, die der SWR dankenswerterweise online stellte. Macht man jedoch, wie Kiarostami, aus den Zuschauern Figuren, so zeigt sich auch das Marx-Publikum nach wie vor von seiner reizenden Seite, nämlich als noch immer streitendes, kritisches, schwer zu befriedendes Publikum. Um es direkt zu zitieren, ist das Marx-Publikum leider ein zu fluides und vielköpfiges Wesen. Klar wurde jedoch, dass in Marx noch immer Hoffnungen gesetzt werden, die zwar unmöglich erfüllt werden können, sich in ihm aber immerhin vor dem Kältetod retten. Der Name Marx ist für das Marx-Publikum nur Metonymie für die von ihm adressierte bessere Gesellschaft. Wie im Modus der Nostalgie die Zukunft neukonzipiert wird, so ist auch Marx ganz zwangsläufig immer Der vergessene und der wiedergefundene Marx , wie schon vor Jahren ein Sammelband titelte. Vielleicht ist die Frage nach dem Marx-Publikum aber nicht so harmlos, wie es zunächst scheint, kann sich doch nur in ihm jene Emanzipation vollziehen, die schon vor Marx notwendig war und die letztendlich auch eine Emanzipation von Marx sein wird. Wer aber war eigentlich das ursprüngliche Publikum von Marx? Welche historischen Rahmenbedingungen ermöglichten überhaupt die Effektivität und die Reichweite seiner Kritik? Und mit welcher Adressierungslogik begegnete er den Hindernissen seines publizistisch-politischen Projekts? Diese Fragestellung verfolgte jüngst ein »Tag für Marx« am Kulturwissenschaftlichen Kolleg in Konstanz, der dem Thema Marx’ Öffentlichkeiten gewidmet war und nicht nur eine erfrischende Abwechslung vom Geburtstagslärm bot, sondern sich auch als vorläufiger Rückblick auf die Marx-Feierlichkeiten verstand. Wie Patrick Eiden-Offe darlegte, war der Titel seines Buchs Die Poesie der Klasse oder die Erfindung des Proletariats (2017) natürlich nicht so intendiert, dass Marx und Engels das Proletariat ex nihilo erfunden hätten. Im Gegenteil: Worum es vielmehr ging und geht, waren und sind die Aporien der Darstellbarkeit des Proletariats beziehungsweise jener Strukturen der Proletarisierung, denen ein zunehmend größerer Teil der Menschheit unterworfen ist, ungeachtet dessen, dass im postsozialistischen Vakuum der (lesen ...)
  • Wollt ihr die totale Ironie? Warum Christian Krachts Texte nicht harmloser geworden sind

    Der Pulverdampf um Christian Kracht und sein Imperium hat sich verzogen. An die Stelle der Empörung über seine Texte sind die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen und ihre Kanonisierung getreten. Die Herausforderung der ›Meinungsmacht der Achtundsechziger‹, in der sich die Faszination für totalitäre Regime unauflöslich mit ihrer Ironisierung vermischt, ist auf den Begriff der »Methode Kracht« gebracht worden. Das Ziel dieser Methode soll nach Mehrheitsmeinung darin bestehen, die »Kultur der Selbstreflexion nicht ins Stocken« geraten zu lassen.   (mehr …)
  • Crazy Wall. Filmkolumne

    Wer sich in letzter Zeit einen Krimi oder Detektivfilm angeschaut hat, der ist vermutlich früher oder später auf Wände gestoßen – auf Stellwände, Pinnwände, Glaswände, auf Tafeln oder Whiteboards, kurz auf Flächen, an die die Ermittler Material gepinnt haben: Presseausschnitte, Karten, Fotos von Mordopfern, Tatorten oder Verdächtigen. Verbunden wird das Ganze manchmal noch zusätzlich durch Linien, Pfeile oder Schnüre, um verborgene Zusammenhänge sichtbar zu machen: ein kriminalistisches mapping , das unabdingbar scheint, wenn man Terroristen und Drogenringe, Serienkiller und Ritualmörder fassen möchte. Im neueren Detektivfilm braucht’s zum Denken, Wissen und Erkennen auf jeden Fall ein Brett vorm Kopf. Jeder zweite Tatort fährt mittlerweile so eine Wand auf, die elaborierteren Beispiele aber kommen aus dem anglophonen Raum. Da wäre die FBI-Agentin Carrie Mathison (Clare Danes) in der Serie Homeland (seit 2011), die islamistische Terroristen jagt und dafür mehr als einmal raumgreifende Übersichten anlegt: Textausdrucke, arrangiert an der Wand ihres Wohnzimmers, die wichtigsten Passagen sind wild umkringelt und farbig markiert, ein papierner Regenbogen von Rot über Orange und Gelb hin zu Hellgrün, Blau, Violett. Oder, ähnlich spektakulär, die Ermittlungswand des ehemaligen Polizisten Rust Cohle (Matthew McConaughey) in der Serie True Detective (2014), der auf eigene Faust weiter an einer Reihe ungelöster Sexualmorde ermittelt und dafür Fotos, Zeichnungen, aber auch rituelle Masken und Holzobjekte an der Wand eines eigens dafür angemieteten Lagerraums versammelt. Selbst Sherlock Holmes erweist sich in seinen medialen Neuauflagen – der BBC-Serie Sherlock (seit 2010) und dem Spielfilm Sherlock Holmes: A Game of Shadows (2011) – als manisch-obsessiver Sammler von Text- und Bildmaterial. Das erscheint dicht gedrängt und schief gehängt, über- und untereinander geklebt und geheftet, so dass kein Stückchen freie Wand mehr zu sehen ist, ein lückenloser Blätterwald, der bis über den Boden wuchert. Über die Papiere ist kreuz und quer rote Schnur gespannt, erratische Verbindungslinien zwischen Bildern und Texten, die sich zu einem bedrohlichen Spinnennetz fügen – es gilt ja auch was zu fangen (Professor Moriarty). Diese Liste ließe sich fortführen, es handelt sich nur um eine kleine Auswahl der wilderen Auswüchse detektivischer Collagekunst – und tatsächlich haben diese dem Phänomen seinen Namen gegeben: »Crazy Wall ist der Oberbegriff für die Tafeln, auf denen Ermittler in Krimis und Spionagethrillern ihre Beweismittel sammeln und anordnen; es ist mittlerweile undenkbar, dass ein Fernsehfilm, der etwas auf sich hält, ohne eine solche Wand auskäme, in deren Betrachtung die Protagonisten sich kontemplativ versenken, um die Feinheiten eines Falls auszutüfteln«, erklärt ein Artikel, der 2015 im britischen Männermagazin Esquire erschienen ist – der bislang einzige zu diesem Thema. Diese Lücke ist nicht verwunderlich: Über die verrückten Wände des Detektivfilms nachzudenken bedeutet, über Produktionsdesign und Ausstattung nachzudenken – nicht unbedingt Stärken filmwissenschaftlicher Auseinandersetzung, und auch der Filmkritik geraten Requisiten nur selten in den Blick. Das ist insbesondere im Fall des Kriminalfilms schade, der wie kaum ein anderes Genre eine Dingpoetik ausgebildet hat, in deren Mittelpunkt die Transformation stummer Objekte in sprechende Spuren steht, ihr Status als Indizien und Beweismittel. Der Krimi erhebt Dinge zu gleichberechtigten Handlungsträgern, er platziert McGuffins oder red herrings , um Plots in Gang zu setzen, voranzutreiben oder zu verkomplizieren und um Spannung zu erzeugen. Das Internet springt ein, wo Filmkritik und Forschung schwächeln. Der Begriff crazy wall ist ein Produkt anonymer Schwarmintelligenz, die kollektive Schöpfung von Fans, Nerds und Vielguckerinnen, die mit fröhlichem Positivismus einen apokryphen Wissensschatz anhäufen. Sie sammeln und klassifizieren Material zur Wand, sie kommentieren und kritisieren es, in Ansätzen historisieren sie es sogar. Ein wichtiger Schauplatz dieser Arbeit ist ein tumblr , wo seit 2011 Beispiele von Wänden in Form von Film-Stills zusammengetragen werden. Dieser Sammlung werden kontinuierlich neue Beispiele hinzufügt, die letzten Einträge sind ganz aktuell und stammen aus dem Juni 2018. Komplementiert wird die vergleichende Ikonologie des tumblr , seine Requisitenforschung in Bildern, durch eine Begriffsarbeit, die etwa auf der Website tvtropes.org stattfindet. Definiert, erläutert und voneinander abgegrenzt werden hier der room full of crazy , die string theory und das big board , auch der stalker shrine – erste Grundlagen einer umfassenden Typologie der crazy wall zeichnen sich ab. Gesammelt und ausgestellt werden im Internet übrigens auch Parodien: Es gibt Cartoons aus dem New Yorker (Mann vor einer Stellwand, komplett in Schnur verheddert) und verrückte Wände aus Animations- und Zeichentrickfilmen ( The Peanuts Movie , (lesen ...)
  • Das Ende des Kapitalismus – bei, vor und nach Marx

    In jüngster Zeit wird wieder häufiger vom Ende des Kapitalismus gesprochen, wobei die Krisenszenarien, die für dieses Ende verantwortlich sein sollen, stark variieren. Bevor einige dieser Entwürfe näher betrachtet werden, scheint ein Blick zurück sinnvoll. Marx ist eine naheliegende Adresse für den Beginn eines solchen Rückblicks, doch zeigt sich rasch, dass Marx selbst von Vorstellungen beeinflusst war, die schon die Vertreter der britischen klassischen Ökonomie von Adam Smith bis John Stuart Mill entwickelt hatten. Im Anschluss an Marx waren es dann vor allem Vertreter der Zweiten Internationale, welche die Vorstellung von einem baldigen Ende des Kapitalismus fortentwickelten, der man aber in anderer Ausprägung auch bei prominenten Vertretern der universitären Sozialwissenschaft vor und nach dem Ersten Weltkrieg begegnet. Die aktuelle Renaissance des Topos und das Gewicht des ein oder anderen Arguments lassen sich sehr viel besser einordnen, wenn man ihre Geschichte während der letzten zweihundert Jahre kennt.

    Marx

    Karl Marx verband eine Krisen- oder auch Zusammenbruchstheorie mit einer Revolutionstheorie. Dieser Dualismus entsprach der Art und Weise, wie er den deutschen Idealismus und insbesondere den Linkshegelianismus mit der britischen klassischen Ökonomie zu verbinden suchte. Schon im Manifest der Kommunistischen Partei war die in seinen Frühschriften noch prominente Dialektik der Entfremdung deutlich zurückgetreten, die es auf einer höheren postkapitalistischen Entwicklungsstufe zu überwinden galt. Stattdessen verdeckte revolutionärer Enthusiasmus die Spannungen, die aus der Verbindung von Hegelianismus und politischer Ökonomie erwuchsen: »Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden – die modernen Arbeiter, die Proletarier .« Bereits im Frühjahr des Revolutionsjahrs 1848 wurde diese Diagnose jedoch von der Bedeutung konterkariert, die der dynamischen Rolle der Bourgeoisie zugeschrieben wurde, die »nicht existieren (kann), ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren«. Von daher waren die wiederkehrenden Krisen durchaus vereinbar mit einem Entwicklungszyklus, der bestimmt wurde »durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte«. Später sollte Marx, der das Manifest auf der Grundlage eines Rohentwurfs von Engels geschrieben hatte, über die inhärenten Widersprüche nicht länger hinweggehen. In der Einleitung zum ersten Band des Kapitals von 1867 sprach er vom »Umwälzungsprozeß« in England als dem Vorboten der kontinentaleuropäischen Entwicklung. Und es passte gut zu diesem eher prozessualen Verständnis historischen Wandels, wenn er in dem berühmten 23. Kapitel über das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation schrieb: »Das Gesetz endlich, welches die relative Überbevölkerung oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und Energie der Akkumulation im Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephästos an den Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital produziert.« Diese Verelendungstheorie stimmte weder mit den schon zu Marx’ Lebzeiten zugänglichen Fakten überein noch enthielt sie eine Erklärung dafür, wie sich Elend in bewusstes revolutionäres Handeln übersetzen sollte. Es ist von daher wenig überraschend, dass nach seinem Tod das Ende des Kapitalismus nur noch selten als aktiv herbeizuführendes Geschehen und stattdessen immer häufiger als Endpunkt eines naturwüchsig verlaufenden Prozesses diskutiert wurde. Auch dazu hatte das Kapital einiges zu sagen. Die Theorie einer fallenden Profitrate war dabei nur das populärste Element gesetzesförmiger Prognosen kapitalistischen Untergangs. Marx selbst nannte sie 1857/58 »in jeder Beziehung das wichtigste Gesetz der modernen politischen Ökonomie«.  Wenn ausschließlich Arbeitskraft Mehrwert erzeugen konnte und Mehrwert die einzige mögliche Quelle von Profit war, dann musste eine Veränderung der organischen Zusammensetzung des Kapitals in Richtung eines höheren Anteils konstanten Kapitals mit der Tendenz zum Sinken der Profitrate einhergehen. Schließlich war mit weniger variablem Kapital auch weniger Arbeit einzusetzen und so weniger Mehrwert zu erzeugen. Das traf indessen nur dann zu, wenn sich nicht gleichzeitig die Produktivität der Arbeit erhöhte. Marx scheint sich dessen während der Arbeit am dritten Band des Kapitals bewusst geworden zu sein, ohne eine Lösung für dieses Problem zu finden. Auch war ihm klar, dass während der letzten drei (lesen ...)
  • Der Kapitalismus ist tot (er weiß es nur noch nicht) Marx’ »Maschinenfragment« und die Logik des Plattform-Kapitalismus

    Waren nach dem Mauerfall Cartoons en vogue, die Karl Marx als Geisterfahrer der Geschichte porträtierten, lässt sich seit einigen Jahren beobachten, dass sich das Gespenst des Marx’schen Denkens bester Gesundheit erfreut. Das ist umso erstaunlicher, als die Bedingungen, unter denen sich der dialektische Materialismus hat entfalten können, einer längst vergangenen, geradezu fossil anmutenden Epoche angehören. Nicht bloß, dass der Kommunismus gescheitert ist, inzwischen ist nach den Gewerkschaften auch die Sozialdemokratie in ihre Verelendungsphase eingetreten. Und weil eine neue Unübersichtlichkeit herrscht, können die chinesischen Kommunisten den kapitalistischen Traum predigen, während die Hüter des Kapitals keinerlei Skrupel mehr haben, sich dem Gottseibeiuns der Volkswirtschaftslehre anzuvertrauen, Silvio Gesells Negativzins. In dieser coincidentia oppositorum muten die historischen Konflikte der unterschiedlichen kommunistischen Sekten so kryptisch-rätselhaft an wie die Diskussionen, die sich die Scholastiker über das Geschlecht der Engel lieferten. Wie also kommt es, dass ausgerechnet der Stifter der reinen Lehre ihren Untergang hat überleben können? Tatsächlich lässt sich diese Frage noch weiter zuspitzen. Denn die Marx’schen Denkfiguren leben in einem Bereich fort, den man nur schwerlich mit der bisherigen Rezeptionsgeschichte des Philosophen zusammenbringen kann – jener Sphäre nämlich, wo man von digitaler Revolution, Disruption und Skalierung spricht. Wenn Paul Mason mit Verweis auf die Wikipedia-Allmende den Postkapitalismus ausruft (und damit Säle füllt), wenn die Soziologen der Gig-Ökonomie das Kapital bemühen, ja wenn selbst dem libertären Silicon Valley der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital nur mit der Idee des allgemeinen Grundeinkommens lösbar erscheint, deutet vieles darauf hin, dass sich die Marx’sche Prophezeiung, der Kapitalismus trage das Moment seiner Auflösung in sich, bewahrheitet. Ein Text, der in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle spielt, ist Marx’ Maschinenfragment . Anders als im nachfolgenden Kapital , wo Marx mit der Grundkonstellation des Klassenkampfs aufwartet (und die Welt in Produktionsmittelbesitzer und Ausgebeutete scheidet), wird in den spekulativen Betrachtungen des Maschinenfragments vor allem das Verhältnis von Mensch und Maschine durchleuchtet. Gewiss findet auch der Arbeiter Erwähnung, gleichwohl bleibt er als Handlungsmacht doch weitgehend konturlos, weniger Träger eines Klassenschicksals als Leidtragender eines allgemeinen, ja existentiellen Entfremdungszusammenhangs. Nun ist Marx nicht als Prophet der digitalen Transformation in die Geschichtsbücher eingegangen, so wenig übrigens, wie überliefert ist, dass er je eine Fabrik besucht hätte. Was er darüber weiß, verdankt er der Bibliothek des British Museum. Dort hat er die Economy of Machinery and Manufactures (1832) des Computerpioniers Charles Babbage studiert, ebenso Andrew Ures Fabrikwesen in wissenschaftlicher, moralischer und commerzieller Hinsicht (1835), in dem die Fabrik als eine neue Form der Kriegsführung dargestellt wird. Dass dieser Krieg keinen Ort der Welt ausnehmen würde, davon hatte in Preußen das Schicksal der schlesischen Weber Zeugnis abgelegt. Ihr Elend nämlich ging weniger auf die Arglist der Arbeitgeber zurück als auf die aus England ins Land strömenden Stoffe, die – von Jacquard’schen Lochkarten-Webstühlen mehr programmiert als gewebt – besser und billiger waren als jedes von Menschenhand gesponnene Tuch. Im Vergleich aber zu Babbage und Ure, die durch und durch Praktiker waren, scheint die Maschine bei Marx weniger auf einen materiellen Maschinenkörper als vielmehr auf ein abstraktes Geistwesen zu deuten. Eben darin besteht die Aktualität seines Texts, erfasst er doch eine metaphorische, sozioplastische Dimension, die dem Ingenieursblick verwehrt ist – was zu der paradoxen Schlussfolgerung führt, dass Marx’ Maschinenfragment gerade deswegen zukunftsweisend ist, weil sein Autor von der Sache vergleichsweise wenig verstand. Rekonstruiert man die Genealogie des Marx’schen Gedankengebäudes, ließe sich mit Fug und Recht sagen, dass es in schönster Hegel’scher Manier vom Abstrakten zum Konkreten aufsteigt. Während der junge Marx noch ganz im Bann von Hegels Geschichtsphilosophie steht, dient ihm die Feuerbach’sche Offenbarung dazu – wie Engels sagen wird –, die Dialektik vom Kopf auf die Füße zu stellen, ein Umsturz, der bei einer Himmelsleiter jedoch keinen allzu großen Unterschied macht. Die Methode bleibt; was sich ändert, ist einzig die Blickrichtung. Denn Feuerbach lehrt, dass nicht die Götter die Menschen, sondern umkehrt die Menschen die Götter erschaffen. Damit aber betritt eine konstruktivistische Figur das Gedankentheater – genauer: wird in ihren Fehlleistungen sichtbar. Denn insofern sie das eigene Geschöpf als ein idealisiertes Anderes missversteht, schlägt die Theodizee in ihr Negativ um: eine Dämonologie, einen allgemeinen (lesen ...)
  • Das überspannte Gummituch. Warum die populäre Metapher die Einsicht in den Kern der Welt blockiert

    »Sagen Sie, könnten Sie mir mal das Prinzip der Telegrafie erklären?« »Das ist doch ganz einfach: So ein Telegrafendraht ist wie ein 5000 Kilometer langer Dackel, den man in London in den Schwanz zwickt, und dann bellt er in New York.« »Leuchtet ein. Aber wie ist das jetzt mit der drahtlosen Telegrafie?« »Na, das ist im Grund genau dasselbe, nur ohne Dackel.« – »Ah!«

    Alter Witz

    Orakel

    In seiner Verteidigungsrede vor dem Athener Areopag erzählt der auf Leben und Tod angeklagte Sokrates, wie es kam, dass er, der gelernte Steinmetz, zur Philosophie fand. An das Orakel von Delphi wurde die Anfrage gerichtet: Welcher der athenischen Bürger sei der weiseste? Und Apollo hatte die Antwort erteilt: Sokrates. Das war für Sokrates, der sich keineswegs im Besitz einer solchen Weisheit fühlte, der Anlass zu fragen, was er wisse, die anderen aber nicht. Und er kam zu dem Ergebnis: eigentlich nichts. Doch immerhin wisse er, im Unterschied zu den anderen, dass er nichts wisse. Dieser Satz: »Ich weiß, dass ich nichts weiß« wurde zur Grundlage seines weiteren Vorgehens und zum Gründungsakt aller Philosophie, die sich auf Sokrates beruft, das heißt so ziemlich aller Philosophie von damals bis heute. Es ist ein methodisch sehr fruchtbarer Ansatz. Bei den schönen Künsten, der Philosophie usw. fällt es leicht, sich auf den Standpunkt des Banausen zurückzuziehen, dem das alles »nichts gibt« und der »damit nichts anfangen kann«. Man zuckt die Schultern, und das war’s. Die Naturwissenschaft dagegen wird heute keinem erlassen. Jeder Laie sieht sich mit ihren Konsequenzen konfrontiert – vom Navi bis zur Atombombe –, die er nützt oder fürchtet, die aber jedenfalls für ihn wirklich sind. Aber dass die Wissenschaft und was aus ihr folgt unser Schicksal ist, daran zweifelt wohl niemand im Ernst, auch und gerade dann nicht, wenn es ihm Unbehagen bereitet. Sie hat ihre Gegner, aber keine Verächter. So sieht sich in der wissenschaftlich geformten Welt ausnahmslos jeder zu einem Verhältnis zu ihr gezwungen, auch wenn ihm dessen Voraussetzungen und Umstände im Einzelnen dunkel bleiben. Kaum einer gibt sich über dieses Verhältnis, selbst wenn es über die bloße Hinnahme einer Realität kaum hinausreicht, volle Rechenschaft. Oder er hält seine Begriffsstutzigkeit für ein rein persönliches Problem, wie ein schlechter Schüler, der beim Stoff nicht durchblickt (auch vielleicht ein wenig faul ist), sich deswegen schämt und diesen Zustand so gut es geht bemäntelt, etwa indem er bei der Klassenarbeit spickt, in der Hoffnung, dass das Thema später nie wieder auftaucht. Zugleich aber fällt es einem Nichtfachmann hier bedeutend schwerer mitzuhalten als bei anderen Wissensgebieten, auf die es weniger ankommt. Auch ein Nichthistoriker ohne Sonderausbildung kann ein seriöses historisches Werk lesen (vorausgesetzt, er hat die nötige Geduld für die tausend Seiten, die solche Bücher gewöhnlich umfassen), denn das Reden von der Geschichte hat sich bis heute nicht prinzipiell von seinen Äquivalenten im Alltagsleben entfernt, insofern es argumentiert, erzählt usw., und das alles in einer wenig spezialisierten Sprache. Die Naturwissenschaft aber hat zu ihrem harten Kern eine Mathematik, der nur wenige zu folgen vermögen; und sie referiert oder entwirft Dinge, die die Alltagserfahrung überschreiten. So sind die sciences zugleich gewichtiger und ihrem Wesen nach unzugänglicher als die humanities . Es fehlt auf keiner von beiden Seiten der gute Wille, diese Kluft zu überbrücken: An für die Allgemeinheit bestimmten Büchern, Reportagen, Fernsehsendungen über Astronomie, Genetik, Nuklearphysik besteht kein Mangel, und an Lesern und Zuschauern auch nicht. Aber was kriegen sie wirklich mit? Nachdem sie ausführlich berieselt worden sind, glauben sie oft – bis zu einem gewissen Grad – verstanden zu haben. Das dürfte in den meisten Fällen ein Irrtum sein. Um sich Klarheit über die Ausgangslage zu verschaffen, bestünde demnach der erste Schritt für den Laien – und das sind in diesen Disziplinen die allermeisten – darin, erst einmal festzuhalten: Ich verstehe, dass ich nicht verstehe. Zauberer Dass ich nicht verstehe – davon also gehe ich aus. Und ich gebe jederzeit zu, dass auch für einen Laien die Grenze des Verständnisses nicht unbedingt ganz so eng gezogen sein müsste, wie sie es offenbar in meinem Fall ist. Meine Entschuldigung lautet: Umso mehr gibt sie sich als Grenze zu erkennen; auf sie kommt es mir an. Ich möchte das Problem am Beispiel zweier ineinander verschränkter Phänomene angehen, der Gravitationswellen und der Relativitätstheorie. Die Gravitationswellen habe ich ausgesucht, weil ihre Entdeckung vor kurzem für erheblichen Aufruhr bis weit hinein in die Laienschar gesorgt hat. Außerdem lockte mich das erste Buch, das ich dazu in die Hand nahm, Gravitationswellen. Geschichte einer Jahrhundertentdeckung von Hartmut (lesen ...)
  • Fragen zur Botanik

    In einem tropischen Gewässer ein Schiff; auf dem Schiff drei Tierschützer: Einer filmt, einer hält eine Riesenschildkröte fest, und der dritte versucht mit einer Pinzette ein rosa Stück Plastik zu packen, das dem Tier im Nasenloch steckt. Es dauert. Die Schildkröte schreit wie ein Schwein. Irgendwann greifen die silbrigen Arme zu, und der Tierschützer zieht, langsam. Aus dem Nasenloch läuft ein rotes Rinnsal. Nach weiteren langen Sekunden die Befreiung, das blutende Tier wird behutsam auf den Boden gesetzt, der Tierschützer hält den ehemals rosafarbenen Strohhalm in die Kamera.

    Ist die blinde Justitia verwandt mit der Heiligen Lucia aus dem sizilianischen Syrakus, dem Mädchen, das sich verweigerte, dem man die Augäpfel ausriss, die sie seitdem stets in einer Schüssel bei sich trägt, der seitdem stets zwei braune Streifen aus den leeren Augenhöhlen rinnen, die über die Straße von Messina hinweg nach Norden schaute, wenn sie denn noch schauen könnte?

    Nach Norden, nach Norden, singen die Mütter ihren flach auf den Boden eines Rettungsboots gepressten Kindern zu, nach Norden, die Passagiere der dritten Klasse werden von der Besatzung in Schach gehalten, nach Norden, weil es nichts anderes mehr gibt, weil die Welt zergeht, nach Norden, der Erbauer des Schiffs stirbt bei dessen Untergang, nach Norden, die Mütter ahnen nichts von Eisbergen.

    (…)

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