• Verlust und Moderne – eine Kartierung

    Eine systematische Soziologie des Verlusts gibt es bisher nicht.1 Das ist seltsam und nachvollziehbar zugleich. Seltsam ist es, weil man die moderne Gesellschaft ohne ihre Verlustdynamiken, ohne die kollektiven Verlusterfahrungen und deren soziale und kulturelle Folgen gar nicht begreifen kann. In der Spätmoderne der Gegenwart erlangen die Verlustthematisierungen – von der Verlustwut der Modernisierungsverlierer bis zur Verlustangst infolge des Klimawandels – dabei eine besondere Präsenz. Nachvollziehbar ist die Leerstelle einer Soziologie des Verlusts allerdings, wenn man erkennt, dass die Disziplin gewissermaßen durch eine déformation professionelle charakterisiert ist: In der Form, in der sie sich im 20. Jahrhundert institutionalisiert hat, identifiziert sich die Soziologie im Kern mit dem Projekt der Moderne als Fortschrittsprozess. Zwar pflegt die kritische Soziologie der Moderne ihre Pathologien vorzurechnen, diese jedoch erscheinen meistens als Konsequenz dessen, dass die moderne Gesellschaft noch nicht fortschrittlich genug ist. Die Verluste aber sind gewissermaßen das Andere der Moderne, sie sind das Andere des Fortschritts. (mehr …)

  • Neu sein

    n der Türschwelle zum Badezimmer kann man es zum Beispiel genau sehen: Hier war einmal ein kleines Hindernis, das es für gehbehinderte Personen oder solche, die im Rollstuhl sitzen, schwierig oder unmöglich gemacht hätte, ins Bad zu kommen. Die Blende an der Türschwelle ist dementsprechend abgenommen worden, und der Teil, an dem sie fehlt, ist versiegelt. Neben der Toilette befinden sich zwei große Bügel, die beim Abstützen helfen. In dem einen ist auch der Knopf für die Spülung angebracht. Das kannte ich schon, als ich in die Gastwohnung mit diesem Badezimmer einzog, die mir während eines Forschungsaufenthalts gestellt wird. Die Räume sind sehr groß, und man hat überall viel Platz zum Rangieren, ganz unabhängig von der jeweiligen körperlichen Verfassung, ganz unabhängig davon, ob man Hilfsmittel zum Gehen benutzt oder nicht. (mehr …)

  • Facebook News Feed und die Folgen

    Am 5. September 2006 kam es zu einer Welle der Empörung unter amerikanischen Studenten. Über Nacht hatte Facebook eine neue Funktion eingeführt, die sich den Usern in Form eines Buttons ankündigte, der die schlichte Aufschrift »awesome« trug, und nach dessen Bestätigung sich die gewohnte Startseite in eine Liste von sozialen News verwandelte, mit der sämtliche User-Aktivitäten – von Text- und Fotobeiträgen über bestätigte Freundschaftsanfragen bis hin zum geänderten Beziehungsstatus – minutengenau aufgeführt wurden. (mehr …)

  • Dort draußen oder Ännet dr Gränze

    Der Zug, der mich zur Schwiegermutter bringt, beharrt darauf, nach Lausanne im freien Feld stehenzubleiben und sich nicht mehr von der Stelle zu rühren. Wir zweifeln, ob er je fahren wird oder gefahren ist. Wir mustern uns gegenseitig. Ein goldblondes Mädchen mit traurigem Mund weiß nicht, was Flirten ist. Sie lässt den jungen Mann gegenüber abprallen. Unsereins erinnert dagegen jahrelanges Knistern, klopfende Herzen, lodernde Bäume, zitternde Sterne und Anna Karenina, die sich vor den Zug warf.Die Schöne zieht ein Gümmeli aus dem Haarschopf, wirft die glänzende Mähne zurück, streicht sie mit schimmernden Händen nach hinten; dreimal wird erneut umgümmelet und das Haar – ruckzuck – straff gezogen.

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  • Eine Idee mit Biss

    Im Spätsommer 1976 unterhielten sich zwei Kollegen bei der Oxford University Press, Michael Rodgers und Richard Charkin, über ein Buch zur Evolution, das kurz vor der Veröffentlichung stand. Es war die erste Monografie eines jungen Zoologie-Dozenten an der dortigen Universität und sollte mit einer Startauflage von 5000 Exemplaren erscheinen. Im Verlauf der Diskussion gestand Charkin, dass er zweifelte, ob mehr als 2000 davon verkauft würden. Daraufhin schlug Rodgers, der Lektor, der das Manuskript eingeworben hatte, eine Wette vor: Er würde Charkin für je 1000 Exemplare, die es unter der Auflage von 5000 bliebe, ein Pfund zahlen, und Charkin sollte Rodgers ein Bier für je 1000 Exemplare ausgeben, die sie über 5000 hinaus ginge. Bis heute ist das Buch einer der erfolgreichsten Titel von OUP und hat sich mehr als eine Million Mal in vier Auflagen und Dutzenden von Sprachen verkauft. Das Buch, um das es sich handelt, war Das egoistische Gen von Richard Dawkins, und Charkin »hält die Zahlung der Wettschulden im Interesse der Gesundheit und des Wohlergehens [von Rodgers] zurück«. (mehr …)

  • Gesinnung

    Auf der Glastür eines Universitätsgebäudes klebt ein Plakat. Es fordert mich auf, die Basisgruppe Lehramt eines großen geisteswissenschaftlichen Faches ins Studentenparlament, oder Studierendenparlament, zu wählen, »denn wir sind« – jedes der folgenden Worte nimmt eine ganze Zeile ein – »* antirassistisch |* antifaschistisch |* antiableistisch |* antisexistisch |* (queer-)feministisch |* antiheteronormativ |* klimagerecht |* kapitalismuskritisch |* emanzipatorisch«. Neben den Worten sehe ich Bildchen sympathischer Gesichter; sie gehören denjenigen, die für die Basisgruppe kandidieren. Irgendwie schauen sie aus wie die Adjektive, derentwegen ich sie wählen soll, denke ich; aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein. Genaugenommen soll auch nicht ich sie wählen, sondern andere, denn meine Studentenzeit liegt lange zurück. Und in dieser vergangenen Ära sollte ich, so scheint es mir, Basisgruppen, obgleich sie sich auch damals schon als kapitalismuskritisch und emanzipatorisch verstanden, eher anderer Dinge wegen wählen. (mehr …)

  • Demokratie zwischen liberalem Globalismus und autoritärem Populismus

    Armin Schäfer und Michael Zürn bereichern die politikwissenschaftliche Debatte über den Aufstieg populistischer Parteien mit ihrem 2021 erschienenen Buch Die demokratische Regression um eine These, die es in sich hat.1 Die Agitation populistischer Parteien wie der AfD, so die Autoren, sei erfolgreich, weil deren Beschwerde über Mängel demokratischer Repräsentation berechtigt ist. Der politische Prozess leiste nämlich keine faire Aggregation politischer Präferenzen, sondern werfe Ergebnisse aus, die zugunsten des liberalen Globalismus der höheren Schichten verfälscht seien. Das ist fachlich so faszinierend wie politisch brisant.

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  • Tragischer Liberalismus. Philosophiekolumne

    1995 legte François Furet einen Kassensturz seines Jahrhunderts vor. Sein Titel: Le passé d’une illusion. Die Übersetzung des Piper-Verlags lautete: Das Ende der Illusion. Aber das Original spielt auf Freuds Klassiker Die Zukunft einer Illusion an. Wir übersetzen also besser: Die Vergangenheit einer Illusion. (mehr …)

  • Kondiaronks indigene Kritik

    Der im Heft veröffentlichte Text ist ein Vorabdruck aus David Graebers und David Wengrows Buch Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit das. Unter den unzähligen Beispielen, an denen die Autoren ihre Argumente entwickeln, ist die Figur des Huronen-Häuptlings Kondiaronk von besonderer Bedeutung. In diesem Kapitel rekonstruieren sie den Einfluss, den Kondiaronk dank des Bestsellers des Barons de Lahontan, der ihn als Kritiker Europas auftreten ließ, auf das Denken der Aufklärung hatte. Diese Form der »indigenen Kritik« wurde im Frankreich des 18. Jahrhunderts Mode, so sehr, dass ihr nicht nur viele Variationen folgten, bis hin zu Rousseaus »edlem Wilden«, sie hat auch wirkmächtige Gegenreaktionen provoziert. (mehr …)

  • Die Mittelschichtsgesellschaft als Projektion: Wie soziologische Zeitdiagnose gesellschaftliche Selbstbilder nachzeichnet und dabei ihren Gegenstand verfehlt

    Soziologische Zeitdiagnosen sind – wo sie erfolgreich sind – Beiträge zur gesellschaftlichen Selbstverständigung, wirken also an der Konstitution ihres Gegenstands mit. Die Anschlussfähigkeit einer Zeitdiagnose in der öffentlichen Debatte erweist sich darin, inwiefern sie der Gesellschaft hilft, ihr Selbstverständnis zu finden. Die Zeitdiagnose muss ein Deutungsangebot vorlegen, das den praktischen Alltagserfahrungen der Rezipientinnen und Rezipienten nicht grundlegend widerspricht und auch theoretisch nah genug am Vertrauten bleibt, um nachvollzogen werden zu können; und sie muss zugleich eine neue Sicht der Dinge anbieten, die dabei hilft, gesellschaftliche Probleme so zu fassen, dass sie bearbeit- oder zumindest hinnehmbar werden. Das bedeutet, dass eine erfolgreiche Zeitdiagnose, unabhängig von ihrer fachlichen Qualität, immer auch ideologisch in dem Sinn wirkt, dass sie standpunktgebundene Sichtweisen und Bewertungen bestätigen muss, um wirken zu können. Das macht es aber auch für eine Soziologie soziologischer Zeitdiagnosen interessant, sich mit ihnen auseinanderzusetzen: Warum wird eine Zeitdiagnose gesellschaftlich aufgenommen? Was lernt eine Gesellschaft über sich selbst, und was versäumt sie zu lernen, wenn sie sich darin wiederzuerkennen meint?

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