• Die talentierte Ms. Calloway

    Der bisherige Werdegang von Caroline Calloway ist symptomatisch für diverse Trends im Verlagswesen. Mithilfe ihrer Eltern finanzierte sie die Entwicklung ihrer schriftstellerischen Fähigkeiten durch ein Studium an der New York University und dann der Kunstgeschichte in Cambridge. Ihre Online-Präsenz begann sie auszubauen, indem sie sich einen Grundstock von Instagram-Followern kaufte. Auf dieser Grundlage erarbeitete sie sich ein großes Publikum (derzeit etwa 684 000 Follower) und nutzte die Plattform als Ventil für eine beträchtliche Menge an Texten in Form von relativ langen, witzigen, diskursiven Bildunterschriften. Mit ihren Followern im Rücken schaffte sie es, einen Agenten und einen Buchvertrag bei Flatiron Books zu ergattern, und bekam für ihre Memoiren angeblich einen Vorschuss von 375 000 Dollar.

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  • Männer!

    AUGENRAUSCHEN – WEISSES FLACKERN

    ROBERTO BOLAÑO

    (seufzend)

    Die Heimat des wahren Schriftstellers ist seine Bibliothek, die aus Regalen oder aus seinem Gedächtnis besteht.

  • Netnografische Recherchen. Filmkolumne

    Seit Monaten sind die Kinos in Deutschland geschlossen, und die wenigen Male, die ich im vergangenen Jahr im Kino war, kann ich an einer Hand abzählen. Stattdessen sehe ich Filme dort, wo ich derzeit fast alles mache: im Internet, am Computer, auf dem Sofa. Dreifach bestimmt, scheint dieses Dort ein komplexer Ort zu sein, der weiterer Beschreibung bedarf. Hier genügt mir aber die Feststellung, dass das Sehen, das »dort« passiert, ein anderes ist als das, das gemeinsam mit anderen Zuschauerinnen im dunklen Kinoraum stattfand. Das Dispositiv zwingt einen sanft, aber bestimmt zum andauernden Sitzen und Sehen, zu Konzentration und Hingabe, man ist dem Alltag und seinen Anforderungen für einige Zeit entrissen: Das Kino ist, oder war, ein Ort einerseits fürs Denken, andererseits für Träume und Eskapismus. (mehr …)

  • Sklaverei, Moral und Kapitalismus. Geschichtskolumne

    Nach gängiger Lehrmeinung leitete das Verbot des Sklavenhandels zu Anfang des 19. Jahrhunderts – gesetzlich besiegelt zuerst in Dänemark, Großbritannien und den USA – das Ende einer prosperierenden Kolonialwirtschaft ein, die in den an dem Geschäft beteiligten Staaten in zunehmendem Maß politisch und moralisch als nicht mehr länger tragbar empfunden wurde. So prangerte die mehrheitlich von Evangelikalen getragene, auch international einflussreiche Abolitionsbewegung in Großbritannien Sklaverei als Sünde und Verbrechen gegen die göttliche Vorsehung an. Der Appell an das Mit-Leiden mit den Versklavten war dadurch mit der Verheißung eines reinen Gewissens verbunden. Der Erfolg der britischen Antisklavereibewegung stand überdies im Einklang mit einem nach dem Verlust der nordamerikanischen Kolonien neuformulierten nationalen Interesse. Abolitionismus wurde typischerweise als Emblem nationaler Tugend verstanden, als Ausdruck der scheinbar grenzenlosen Freiheitsliebe der Briten.1

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  • Karl Marx nach zweihundert Jahren. Historisierung, Kritik und Aktualität

    2018 bot der zweihundertste Geburtstag von Karl Marx Anlass zum Rückblick auf diese für die Entwicklung der Sozialwissenschaften wie des politischen Geschehens im 19.und 20. Jahrhundert gleichermaßen zentrale Gestalt. Wurde der kalendarisch gebotene Anlass enthusiastisch genutzt oder eher pflichtschuldig begangen? Schon hier gehen die Ansichten weit auseinander. Während der renommierte Wissenschaftsverlag Palgrave Macmillan im zeitlichen Umfeld eine neue Reihe begründete, deren Herausgeber optimistisch eine »Marx-Renaissance im Weltmaßstab« diagnostizieren, zeigten sich die Organisatoren einer Trierer Konferenz erstaunt, dass ihr »Kongress die einzige größere wissenschaftliche Veranstaltung mit internationaler Beteiligung im Jahr des Marx-Jubiläums« gewesen sei.1

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  • Philister, Autodidakten, Parrhesiasten. Bildungsfiguren im Diskurs der Neuen Rechten

    Die Inszenierung des Bildungsbürgerlichen gehört zum guten Ton der Neuen Rechten. Ihre intellektuellen Galionsfiguren treten gern als aufrechte Kämpfer gegen das kulturelle Vergessen auf. Götz Kubitschek etwa lässt sich dafür feiern, »Homer im Original« gelesen zu haben.1 Der »Kosmos rechten Denkens«, von dem er in seinem Buch Provokation spricht, ist vor allem ein Kosmos aus Texten und Lektüren, die den Autor nach eigener Auskunft bei der »Suche nach dem rechten Maß« angeleitet haben (»Romane sogar noch besser als theoretische Schriften«). Ein von ihm mitherausgegebener Sammelband, der die »je prägenden Lektüren« wichtiger Figuren der Neuen Rechten präsentiert,2 wird als Beleg dafür reklamiert, »wie tief, breit und gründlich die Neue Rechte liest und denkt«.

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  • Der großartige filmische Erzähler Karl Fruchtmann. Eine Wiederentdeckung

    Im 28. Januar 1969 erregte ein kurzer Film von knapp über 60 Minuten im Abendprogramm der ARD großes Aufsehen. Kaddisch nach einem Lebenden, produziert von Radio Bremen, war in vielfacher Hinsicht außergewöhnlich. Zwar hatte es schon vorher eine ganze Reihe von Dokumentationen und Fernsehspielen über die nationalsozialistischen Konzentrationslager gegeben. Aber keine andere Sendung hatte sich so genau den jüdischen Opfern zugewandt, den Prozess der Erinnerung selbst zum Thema gemacht und als Ort des Geschehens das Israel der Gegenwart gewählt. (mehr …)

  • 2021, dein Gesicht hat Blatternarben

    Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass es sich bei Pocken und Blattern um einen Namen für dieselbe Krankheit handelt. Während einer kurzen Wikipedia-Safari rund ums Thema Impfen war ich auf diese allgemein vermutlich gut bekannte Tatsache gestoßen, die unter anderem mit einem Foto aus dem Jahr 1973 bebildert wird, das ein Kind aus Bangladesch zeigt, dessen Gesicht und Oberkörper über und über mit Pusteln bedeckt sind. Pocken alias Blattern gelten seit 1980 als ausgerottet. Der Schock, den das Foto auslöst, geht einher mit der Erleichterung, luftdicht verpackte Vergangenheit zu betrachten. (mehr …)

  • Der Ziz. Der Kampf ist aus

    Wir sind es gewohnt, die Geschichte der Herrschaft als Kampf zwischen Leviathan und Behemoth zu erzählen, zwischen Staat und Unstaat, Ordnung und Revolution, Verfestigung und Verflüssigung, Einheit und Zerfall. Daran hat sich seit Thomas Hobbes kaum etwas geändert. Carl Schmitt vertauschte lediglich die Symbole und behauptete, das Seeungeheuer Leviathan (damit zielte er auf Großbritannien und die Vereinigten Staaten) sei aufgrund seiner meerisch-fließenden Existenzweise überhaupt nicht in der Lage, eine feste Ordnung zu errichten, und ergriff Partei für den Behemoth vom Land, den er mit dem nationalsozialistischen Deutschland identifizierte und später mit dem tellurischen Partisanen, der gegen die Einheit der Welt vorgeht. (mehr …)

  • Papa, was hast du im Krieg gemacht? Der Algerienkrieg in der europäischen Erinnerungskultur

    Ob sich Väter und Großväter im Zweiten Weltkrieg schuldig gemacht und welche traumatischen Erlebnisse sie mit nach Hause gebracht hatten, blieb eine meist unvollständig beantwortete Frage deutscher Kinder und Enkel. Gestellt wurde sie auch in Frankreich, nicht an die Kombattanten der drôle de guerre 1939ff., sondern an die appelés, an Berufssoldaten und Wehrpflichtige, die zwischen 1954 und 1962 im Algerienkrieg gedient hatten. Ehefrauen und Kinder erfuhren wenig von ihren Erlebnissen, oft kam das Gespräch erst mit dem Ableben eines Einberufenen in Gang.

    Generell deckte eine kollektive Amnesie »die Ereignisse« zu, die offiziell nie als ein Krieg deklariert worden waren, vom Gros der Franzosen wenig beachtet und von den meisten als zulässige Bekämpfung eines bewaffneten Aufstands bewertet wurden. Anders als retrospektiv bei der deutschen Wehrmacht waren da nach allgemeiner Überzeugung keine unzulässigen Eroberer weitab von der Heimat unterwegs gewesen, sondern Ordnungskräfte auf dem Gebiet der französischen Republik, »une et indivisible«, die nach den Worten von François Mitterrand und Charles de Gaulle »von Dünkirchen bis Tamanrasset«, vom Ärmelkanal bis in die südliche Sahara reichte.

    Krieg ohne Namen

    Die an der Universität Paris-Nanterre lehrende Zeithistorikerin Raphaëlle Branche hat vor zwanzig Jahren die maßgebliche Bilanz von Folter- und Kriegsverbrechen im Algerienkrieg vorgelegt und sich nun der mündlichen Geschichtsschreibung des »familiären Schweigens« gewidmet.  Von 1954 an wurden wehrfähige Franzosen der Jahrgänge 1938ff. für achtzehn Monate einberufen, in der Summe rund 1,5 Millionen conscrits, viele nicht einmal volljährig, bei damals 45 Millionen Einwohnern. Eingezogen zu werden war seinerzeit nichts, wogegen man sich wehren konnte oder sollte, man »machte« Algerien so selbstverständlich wie die Großväter »14/18« und die Väter »39/45«.

    Alles andere als normal war hingegen, dass jenseits des Mittelmeers ein Krieg ohne formellen Gegner, ohne Schlachten, ohne Regeln geführt wurde, kaschiert als Polizeiaktion zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Völlig unvorbereitet waren die jungen Männer mit schrecklichen Gewaltakten konfrontiert respektive daran beteiligt; dem Front National de Libération (FLN), einer aus dem Hinterhalt operierenden Guerilla, wollte die Armee mit Folter und Razzien beikommen.

    Der Wehrdienst war ein rite de passage für junge, meist unverheiratete Arbeiter oder Studenten, die in der Regel noch bei ihren Eltern wohnten; nach der Demobilisierung würden sie »ins Leben treten«, eine Arbeit oder ein Studium antreten und Familien gründen. So auch hier, doch diese von Scham und Ekel besetzte Passage verschlug den Heimgekehrten die Sprache – es wollte auch kaum jemand davon hören, und da am Ende jeder einzeln entlassen wurde, konnte sich auch keine »Algerien-Generation« bilden und Gehör verschaffen.

    Vor allem die letzten Jahrgänge hatten in einem »Nichtkrieg« gedient, den de Gaulle 1960 zu beenden begonnen hatte, womit der Kampf fürs Vaterland vollends sinnlos wurde. Die Appelés verkörperten die Niederlage, nach dem Fiasko von Ðiện Biên Phủ 1954 war in Nordafrika der Rest des Kolonialimperiums verlorengegangen. Die französische Gesellschaft kümmerte sich weder um Schuld noch Trauma und ging 1962 rasch zur Tagesordnung über. Sie wollte absolut modern werden, und das algerische Drama sank in ein kollektives Vergessen, was die von de Gaulle verfügte Generalamnestie noch verstärkte.

    Die Jungen waren nicht durchweg traumatisiert, auch sie genossen die trente glorieuses, das französische Wirtschaftswunder. Doch nicht wenige waren arbeitsunfähig, wurden gewalttätig gegen Frauen und Kinder oder versanken in Depression und Trunksucht. Die »Bewältigungsarbeit« hatten die Familien zu leisten. Zaghafte Rückfragen der Kinder und Enkel erhoben Einspruch gegen das Schweigen, Anlässe waren Souvenirstücke, Fotoalben, kulinarische Extravaganzen, auch die exotischen Namen für manche Kinder.

    Einberufene hatten aber auch rebelliert, bis hin zur Fahnenflucht. Den einen widerstrebte es, die Ernte nicht einfahren zu können, den gerade begonnenen Job aufgeben zu müssen, Freunde und Freudinnen verlassen zu sollen; andere standen der Kommunistischen Partei (PCF) und der Friedensbewegung (lesen ...)