• Punk féminine. Popkolumne

    Und woher kennen Sie die Raincoats? Vielleicht aus dem Kino: prominent platziert in Mike Mills' 20th Century Women von 2016, der Geschichte von fünf Menschen, die als Mutter und Sohn, Fotografin, Schulfreundin und Handwerker mehr oder minder feste Bewohner eines gemeinsamen Hauses sind. In Episoden eher als in einem narrativen Zusammenhang erzählt der Film unter anderem von der Einführung des männlichen Teenagers Jamie in die Welt der Subkultur, und die heißt 1979, zur Zeit der Filmhandlung: Punk und die Folgen. Die Untermieterin Abbie (Greta Gerwig) nimmt den noch jungen Sohn ihrer Vermieterin Dorothea (Annette Bening) mit in den Club, sie versorgt ihn mit feministischen Büchern, und sie spielt ihm Musik vor, zuerst Fairytale in the Supermarket von den Raincoats: »It makes no difference || Night or day || No one teaches you how to live || Cups of tea are a clock || A clock, a clock, a clock«. (mehr …)
  • Zum Tode Long Huis

    Als wir uns gerade Bad Schandau näherten, blieb er das dritte Mal stehen und starrte ins Abteil. Guck mal, ein Creep, sagte ich, und Pascal: Der ist nur druff. Später, auf dem Rückweg von der Toilette, lugte ich ins Nachbarabteil, alles gut, da saß der Creep in Begleitung, und die trug eine beruhigende rosa Jack-Wolfskin-Jacke. Ich setzte mich wieder, wir fuhren durch die nunmehr tschechische Nacht, fünf Minuten lang. Dann stand plötzlich die Frau mit der rosa Jacke in der Tür, ob sie sich zu uns setzen könne, nein, das sei nicht ihre Begleitung, das sei ein Creep, der sich, wortlos, sprachlos im fast leeren Zug direkt neben sie gesetzt habe, ob sie nicht bei uns und wir: Natürlich. Kommst du aus Wien? Sie sprach zwar breites Rheinländisch, aber irgendwas muss man ja fragen, und schon eine Viertelstunde später, bestimmt hatten wir die Elbe bereits das zweite Mal überquert, erzählte uns die Ornithologin, nach deren Namen wir ebenso zu fragen vergaßen wie sie nach den unsren, vom Schrei des Mauerseglers. Apus apus ähnelt den Schwalben, ist mit ihnen aber nicht näher verwandt. Er kann zehn Monate am Stück fliegen. Im Sturzflug erreicht er zweihundert Stundenkilometer. Der Wien-Berlin-Night-Express schafft neunzig. Die Schreie der Mauersegler können selbst in großen Städten den Verkehrslärm übertönen. Die Frequenz ihrer Rufe liegt zwischen 4000 und 7000 Hertz, in einem hohen, aber für das menschliche Gehör gut wahrnehmbaren Bereich. Als Einheit der Frequenz gibt das Hertz die Anzahl sich wiederholender Vorgänge pro Sekunde in einem periodischen Signal an. (…)

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  • Bogenhausener Gespräche

    Wenn es nach ihm ginge, sagte Lothar Matthäus am Vorabend der Wahl 2017, könne man die Fernseher daheim ausschalten, er selbst mache sich nun jedenfalls schnurstracks auf den Weg zurück ins Hotel. Reiner Calmund lachte ein herzhaftes Lachen, während die Moderatorin noch einmal den Programmhinweis wiederholte. Dabei stimmte das natürlich nicht, der Experte hatte die Zuschauer angeflunkert, spurtete er doch nur deshalb aus dem Fernsehstudio in Unterföhring hinaus und einen Nebenarm der Isar entlang, um mich, der ich bereits seit zehn Minuten vor einer Bogenhausener Eisdiele wartete, auf einen Cup Tropicana zu treffen. (mehr …)
  • Brot. Ein hapax für jeden Tag

    Die lateinische Christenheit betet seit dem 2. Jahrhundert das Vaterunser falsch. Das ist, zugegeben, eine Behauptung, die so unglaublich ist, dass man für sie schon sehr gute Gründe angeben muss. Man muss nicht nur erklären, warum das so ist, sondern auch, warum man auf diejenigen, die das im Verlauf der Jahrhunderte auch schon erkannt hatten, nicht gehört hat. Wenn es sich nur um ein philologisches Fündlein handelte, könnte man mit einem exegetischen Schulterzucken zur Tagesordnung übergehen. Doch es geht um mehr. Kann man überhaupt "falsch" beten? Der postreligiöse Atheist wird Gebete ohnehin für falsch halten und sie allenfalls noch als rhetorische Pose oder auf dem Theater zulassen. Aber noch sind wir nicht alle Atheisten. Reden wir also von den Betern – und den Beterinnen natürlich. Von Janis Joplin zum Beispiel: "Oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz". Dass ihre Bitte in Erfüllung gegangen ist, davon ist nichts bekannt. Aber umsonst beten muss ja nicht falsch sein. Trial and error. Generell gilt: Je konkreter die Bitte, umso höher das Risiko, dass sie nicht in Erfüllung geht: Kein Pony zu Weihnachten, und die Oma war trotz inbrünstiger Gebete doch gestorben. Damit hatten für Jennifer die Zweifel angefangen. In der Vorbemerkung, mit der Jesus das Gebet einleitet, das er für seine Jünger formulierte, rät er von konkreten Bitten regelrecht ab: "... denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet" (Mt 5,8). Er weiß es, so könnte man den Gedanken verlängern, jedenfalls besser als ihr selber. Unter einer Bedingung kann allerdings jede Bitte an den himmlischen Vater in Erfüllung gehen: Sie muss mit seinem Willen übereinstimmen. Das liegt gleichsam in ihrer Logik. Wer mit den Worten Jesu betet: "Dein Wille geschehe", hat sich diese Voraussetzung noch einmal bewusst gemacht. Aber was, um Himmels willen, ist denn der Wille Gottes? Das ist doch die Frage aller Fragen. Sie zu beantworten, wäre das Schlüsselpensum jedes Beters. Vielleicht geht es auch gar nicht um die Erfüllung der Bitten, sondern um die Rückwirkung auf den Beter, der durch sie sich selbst dazu bringt, seine Wünsche am Willen Gottes auszurichten, eine Art Tiefenreflexion über die Qualität der eigenen Wünsche, gespiegelt in einem großen Gegenüber. So gesehen, könnte auch ein Agnostiker, der sich nicht sicher ist, ob er überhaupt ein Gegenüber hat, im Gedankenexperiment zum Beter werden. In dem Augenblick jedenfalls, in dem der Mafioso den Himmel um die Unterstützung seiner Mordpläne bäte, müsste er sie fallen lassen.

    Essenz der Lehre Jesu

    Das Vaterunser ist der bekannteste Gebetstext der Welt. Jeder Christ kann ihn by heart, mit dem Herzen, auswendig, eigentlich aber inwendig. Vielen ist er so tief ins Gedächtnis eingraviert, dass sie ihn wie ein Mantra murmeln, ihn mitlaufen lassen, wie eine seelische Begleitmusik oder ihn meditativ umspielen. In allen Lebenslagen, vor allem dann, wenn das Pendel ausschlägt, in Ängsten und an Gräbern, aber auch auf Gipfeln, wird dieser Text, mal mehr, mal weniger inbrünstig gesprochen, manchmal auch gedankenlos geplappert. Doch es lohnt sich, seiner Gedankenspur auch ernsthaft nachzusinnen. Immerhin handelt es sich um die Essenz der Lehre Jesu. Wer das tut, seine Formulierungen womöglich genau, Satz für Satz untersucht, kommt bei der vierten Bitte unweigerlich ins Grübeln. Wir kennen sie in der Übersetzung: "Unser tägliches Brot gib uns heute". Spontan wird das allen gefallen, die es handfest mögen. Dem Bert Brecht der Dreigroschenoper bestimmt. Für den Materialisten – "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" – wäre das ohnehin nicht die vierte, sondern die erste aller Bitten gewesen: endlich etwas Konkretes. Täglich Brot, täglich satt – gäbe es dann überhaupt noch Probleme? (...)

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  • Ab durch die bürgerliche Mitte?

    Wenn etwas, wie der jüngste AfD-Erfolg, nicht ins gewohnte oder gewünschte Bild passt, beginnt die Suche nach Schuldigen und Versäumnissen. So hat man Linksintellektuellen, jenen vor allem, die nach der Wende gen Osten gewandert sind, vorgeworfen, sie hätten dort ihre neuen Landsleute auf arrogante Art "abgehängt"; im übrigen Deutschland sei es derweil eine beliebte Unart geworden, rechtslastige Ossis einfach "zurechtzuweisen".Läge es daran, könnte das liebe Vaterland beruhigt sein, wäre die Volkstümelei doch eine begrenzte und flüchtige Erscheinung. Anders sähe es aus, hätte Jürgen Kaube recht. Seiner Ansicht nach sind wir mit einem systemischen Defekt geschlagen: Deutschlands politischer Kultur fehle das unerlässliche "Quentchen Streit".Gerade im staatstragend-volksparteilichen Lager seien, um Diskrepanzen unter dem Deckel zu halten, allerlei Konflikte (wie die Flüchtlingskontroverse) als erledigt abgehakt und einmal gefundene Kompromisse für sakrosankt erklärt worden. Sollte es daran gelegen haben, wäre die Frage: Wie bringt man den Streit ins System? Schon vor den Wahlen hat Christoph Möllers in dieselbe Kerbe gehauen. Gelinge es uns nicht, eine funktionale Streitkultur zu entwickeln, so sein Befund, würden wir früher oder später von Kalamitäten heimgesucht, wie sie heute anderen Demokratien, allen voran Amerika (mit Trump) und England (mit dem Brexit), schwer zu schaffen machen. Sein Rat: "Wer die Ordnung so, wie sie ist, für schützenswert hält, wird sich ihren politischen Formen anvertrauen müssen – und das bedeutet vor allem anderen, in politische Parteien einzutreten und einen relevanten Teil seiner Zeit in diesen zu verbringen." Stattdessen halte sich wie eingewurzelt die Illusion, man könne auf "unpolitische Institutionen" (Justiz, Bürokratie) setzen, "ohne sich um politische zu kümmern". Dieser Vorwurf gilt besonders der "bürgerlichen Mitte", deren erschlafftes Engagement bewirke, dass ein wohltemperiertes Regieren immer schwerer falle. Sorgen macht sich Möllers vor allem deshalb, weil es um mehr gehe als bloße Nachlässigkeit – verantwortlich sei vielmehr die habituelle Politikfremdheit des juste milieu. Deutsche Leiden (1): Keine Lust Nun ist es nicht so, als würden unsere großen Parteien zum Mitmachen direkt einladen. Sicher, wer nützliche Kärrnerarbeit erbringen will (Wahlzettel verteilt, Veranstaltungen organisiert, Redner betreut etc. pp.), ist gern gesehen und kann damit rechnen, irgendwann mit einer „Ehrennadel“ entschädigt zu werden. Doch die (un)politische Mitte von heute lockt man damit kaum mehr hinter dem Ofen hervor – statt an ritueller Anerkennung für dauerhaften Einsatz Gefallen zu finden, steht ihr der Sinn nach persönlicher Erfüllung, am besten ohne Triebaufschub. Was frühere Generationen "lustlos" bewältigt haben, muss der heutigen Spaß machen. Albert Hirschman hat in Hinblick darauf die These vertreten, das Verhalten des neuen Bürgers sei von turnusmäßig wechselnden Engagementschüben (shifting involvements) geprägt: Eine Zeitlang kümmere er sich hauptsächlich um private Dinge, zu anderen Zeiten stände die politische Arbeit, Aktivitäten jenseits des simplen Wahlakts, im Vordergrund. Gesteuert werde dieser Zyklus durch das Grenznutzenkalkül, soll heißen: Was man so erlebt, auf Kreuzfahrten oder in Kreistagen, befriedigt einen mit der Zeit immer weniger – bis schließlich die Wechselentscheidung fällt: Wer genug "konsumiert" hat (privat), "partizipiert" nun lieber (öffentlich). Und umgekehrt. (...)

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  • Kriegsgefahr im pazifischen Raum. Der neue amerikanische China-Diskurs

    Unmittelbar nach dem Wahlsieg Donald Trumps kam es zu einem diplomatischen Eklat. Unter den Gratulanten befand sich auch Tsai Ing-wen, die Präsidentin Taiwans, deren Anruf entgegen aller Erwartungen vom Weißen Haus angenommen worden war. Das Gespräch sorgte für einiges Aufsehen, schließlich hatte es seit 1979 keine offiziellen diplomatischen Kontakte zwischen den Vereinigten Staaten und Taiwan mehr gegeben. Waren Trump und seine Berater einfach schlecht informiert, oder kündigte sich hier womöglich eine grundlegende Wende der amerikanischen Außenpolitik an? Angesichts der Aggressivität, mit der Trump im Wahlkampf wieder und wieder Chinas Wirtschafts- und Währungspolitik als Bedrohung amerikanischer Interessen gegeißelt hatte, schien beides gleichermaßen realistisch. Chinas Diplomaten reagierten entsprechend scharf. Zwar lenkte Trump wenig später ein und bekannte sich zur Ein-China-Politik, die seit den Vereinbarungen zwischen Mao und Nixon Grundlage der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten ist. Doch gleichzeitig machte er weiter Druck auf Beijing, den enormen chinesischen Handelsüberschuss auszugleichen. Und auch der vielbeachtete Besuch von Präsident Xi Jinping in Florida hat wenig zur Beruhigung der Verhältnisse beigetragen. Der Präsident steht mit seiner Besorgnis keineswegs allein. Die Zahl der Bücher und Artikel, die beim Blick auf die Beziehungen beider Staaten vor allem das Bedrohungspotential ausloten, das sich aus Chinas rasantem wirtschaftlichem und militärischem Wachstum ergeben könnte, nimmt seit Jahren stetig zu. Unter den Autoren sind neben Journalisten auch öffentliche Intellektuelle, die zum Teil für Thinktanks arbeiten. Sie sind mit der Fachliteratur vertraut, verlassen sich aber in ihrem Urteil eher auf ihre Erfahrungen als Auslandskorrespondenten und Beobachter des politischen Geschehens. Sofern sie akademische Positionen innehaben, wie Graham Allison, der an der Harvard University lehrt, schreiben sie doch nicht als Wissenschaftler, sondern als Sprecher der Öffentlichkeit. Und sie stoßen mit ihren Thesen auf große Resonanz. Auffällig ist, dass die wenigsten von ihnen von vornherein von der Priorität der amerikanischen Werte und Interessen ausgehen, die meisten geben sich große Mühe, die spezifischen Werte und Interessen Chinas zu verstehen, bevor sie die jüngste Entwicklung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen beurteilen. In ihren Thesen folgen sie in der Regel weder der neokonservativen Politik der Stärke unter George W. Bush, die Robert Kagan noch 2012 in seinem Buch The World That America Made artikuliert hat, noch dem internationalen Liberalismus unter Obama, wie ihn Hillary Clinton als Außenministerin vertreten hat, sie grenzen sich aber auch gegenüber dem aggressiven Nationalismus Trumps und seiner Berater ab. Von einem einheitlichen Meinungsbild kann dennoch keine Rede sein. Wer sich die wichtigsten Veröffentlichungen genauer ansieht, stellt fest, dass die Temperatur der Auseinandersetzung im amerikanischen China-Diskurs gestiegen und der Abstand zwischen den möglichen Positionen zugleich größer geworden ist. Offenbar wird die China-Frage heute in den Vereinigten Staaten nicht mehr als neutrales Thema wahrgenommen, sondern als eine Frage, die auf eine Entscheidung drängt: Wie sollen sich die Vereinigten Staaten gegenüber China verhalten? Mit welchen politischen und wirtschaftlichen Strategien der chinesischen Führung müssen die Amerikaner rechnen? Nun stellten sich diese Fragen bereits 1990 oder auch 2000, ohne dass sich die amerikanische Öffentlichkeit damals besonders engagiert hätte. Warum das heute anders ist, hängt eng mit der schweren Wirtschaftskrise der Jahre 2008 bis 2010 zusammen, die tiefe Spuren auch im politischen Bewusstsein hinterlassen hat. Sie zeichnen sich nicht zuletzt auch in Donald Trumps Agenda ab, dessen emphatischer Rückzug auf die nationalen Interessen Amerikas ja vor allem als Zeichen der Verunsicherung angesichts der Zukunftsperspektiven des Landes zu lesen ist. Der neue Blick auf China: Der kulturelle Kontext Bis vor kurzem war der amerikanische Blick auf die Volksrepublik noch so sehr auf den revolutionären Bruch mit der nationalchinesischen Regierung und die Wiederanknüpfung der zwischenstaatlichen Beziehungen im Jahr 1979 fokussiert, dass über die Frage nach möglichen historischen Kontinuitäten eher selten nachgedacht wurde. Unter dem Eindruck der machtbewussten chinesischen Politik unter Xi Jinping aber beginnt man allmählich, das China der Gegenwart auch vor dem Hintergrund seiner imperialen Vorgeschichte zu verstehen. Der unerwartete und plötzliche ökonomische und militärische Aufstieg erscheint unter diesem Blickwinkel als die Restitution einer alten Weltmacht, die sich nach einer hundertjährigen Schwächeperiode wieder bemerkbar macht und ihre Anerkennung einfordert. (...)

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  • Von Sisi, Reserl und Bertha. Brigitte Hamanns frühe Frauenbiografien

    „Sie ist ja nur ein Mädchen“ – mit diesem Satz beginnt das erste Kinderbuch der Historikerin Brigitte Hamann (1940 bis 2016), das den Titel Ein Herz und viele Kronen. Das Leben der Kaiserin Maria Theresia trägt. Es erschien 1985 in Wien, nachdem sich Hamann im deutschsprachigen Raum bereits einen Namen als Biografin des Kronprinzen Rudolf und der Kaiserin Elisabeth gemacht hatte. Mitreißend, leicht verständlich und humorvoll beschrieb Hamann darin, wie aus dem „kleinen Reserl“ die große Kaiserin Maria Theresia wurde und schlussfolgerte am Ende ihrer Heldinnengeschichte: „Ihre Regierung war und blieb eine der besten, die die österreichischen Länder je hatten. Tatkräftig bewies sie, dass Frauen ebenso gut arbeiten wie Männer ... Und wenn jemand behauptet: ‚Das kann ein Mädchen nicht‘, was es auch immer sei, was gekonnt werden muss, dann erzähl ihm die Geschichte der Kaiserin Maria Theresia. Sie war auch ‚nur ein Mädchen‘.“ Obwohl die kurz zuvor mit der zweiten Welle der Frauenbewegung wieder lautgewordene Forderung nach einer Gleichberechtigung der Geschlechter hier deutlich anklingt, war und ist Brigitte Hamann – anders als ihre Tochter, die Journalistin Sibylle Hamann – nicht als (deklarierte) Feministin bekannt. Ihre Biografie stellte traditionelle Geschlechterverhältnisse vorerst in keiner Weise in Frage: Da heiratete eine in Essen gebürtige 25-jährige Journalistin namens Brigitte Deitert, nachdem sie ein Studium in Germanistik und Geschichte mit Lehramtsprüfung abgeschlossen hatte, einen um sechzehn Jahre älteren österreichischen Historiker – Günther Hamann –, der eben außerordentlicher Professor für Geschichte der Neuzeit am Historischen Institut der Universität Wien geworden und dessen Studentin sie zuvor gewesen war. Sie hörte auf, ihren Beruf auszuüben, wurde seine „private Assistentin“ und bekam in den folgenden sieben Jahren drei Kinder. So weit, so klassisch. 1966 war Betty Friedans Bestseller The Feminine Mystique, in dem sie analysierte, wie eine Reduktion ihrer Aufgaben auf Haushalt und Kinderbetreuung Frauen belastet, auch in deutscher Sprache erschienen. Ob Hamann Friedan rezipierte oder nicht – sie war jedenfalls eine von vielen Frauen, die 1972 (kurz nach der Geburt des dritten Kindes) ihre Situation als krisenhaft und festgefahren empfand. Abhilfe sollte noch im selben Jahr die Aufnahme eines Doktoratsstudiums der Geschichte schaffen, das sie allerdings – auch das ist anzumerken – erst begann, nachdem Günther Hamann 1971 ordentlicher Professor geworden war, also vor dem Hintergrund gesicherter Verhältnisse. In einer Laudatio auf Brigitte Hamann durch Gerald Stourzh wurde dieser Wendepunkt in ihrem Leben und der Weg zu ihrem ersten Bestseller folgendermaßen geschildert: „‚Ich saß vor der Waschmaschine im Keller, heulte wie ein Schlosshund und dachte, ich kann nicht mehr.‘ Doch in der Verzweiflung kam der Entschluss: ‚Ich hatte nur eine Chance, und die war, zu Hause zu arbeiten‘. Und sie begann, ‚am Küchentisch‘, wie es in dem Interview heißt, mit den Arbeiten für ihre Dissertation über den Kronprinzen Rudolf. Sie arbeitete fünf Jahre am Rudolf-Werk, als 33- bis 38-jährige Mutter von drei Kindern, die bei Beginn ihrer Forschungen 7, 5 und 1 Jahr alt waren, bei Publikation der Dissertation als Buch 12, 10 und 6 Jahre.“ Beginnen auch wir mit dem Küchentisch. Als Arbeitsplatz der Nobelpreisträgerin Alice Munro und vieler anderer bekannt geworden, ist er in der Geschichte weiblichen Schreibens ein ambivalenter Ort. Er ist keineswegs das Zimmer für sich allein, das Virginia Woolf zur Bedingung für die schöpferische Arbeit von Frauen machte, er ist kein Büro oder ein eigener Schreibtisch. Geschrieben werden kann hier nur „neben“ vielen anderen Tätigkeiten und Personen, es wird dabei keine Position besetzt, kein Raum genommen und gewonnen. Er symbolisiert „den Entschluss … keine Universitätskarriere zu beginnen“, den sie bereits damals gefasst haben soll – so interpretierten jedenfalls Nachrufe auf Hamann diese Schreibsituation im Rückblick. (...)

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  • Kapitalisten und das Klima. Geschichtskolumne

    Politiker machen weltweit zur Zeit viel Aufhebens um ihre Befähigung und Glaubwürdigkeit als Manager. Der Präsident der Vereinigten Staaten bezeichnet sich selbst gerne als „dealmaker“. Australiens Premierminister begrüßt ihn am Telefon mit der Feststellung, als Geschäftsmänner würden sie sich sicherlich beide gut verstehen, weil sie Sinn für die „Macherqualitäten“ und den Erfolgsinstinkt des jeweils anderen hätten. Mit anderen Worten, dem politischen Austausch liegt kein gleichwie geartetes Ideal zugrunde, sondern es handelt sich lediglich um ein quid pro quo. Auch wenn Malcolm Turnbull, um bei der Wahrheit zu bleiben, weniger Geschäftsmann ist als vielmehr Banker, genau wie der französische Präsident. Verfeinerte Emmanuel Macron seine Businesskompetenz am Pariser Firmensitz der Investmentbank Rothschild, so erhielt Turnbull seine letzten Weihen bei Goldman Sachs. In der Welt von heute scheinen sich Manager und Banker problemlos in das geschäftsorientierte Berufsfeld der Politik einzufügen. Donald Trump selbst ist kein Banker, aber seine „Make America Great Again“-Regierung wurde bereits in „Government Sachs“ umgetauft, wegen der großen Anzahl ehemaliger Zöglinge des Geldhauses, die im mächtigsten Staat der Erde jetzt fürs Regieren verantwortlich sind. Wer die globale Finanzkrise 2008 noch gut in Erinnerung hat, den mag es befremden, auf einmal so viele Banker an der Regierung zu sehen. Obwohl Banker, wie auch Wirtschaftsbosse, immer schon die Politik beeinflusst haben. Auf dem Höhepunkt der Krise war Banker allerdings zu einem Beruf geworden, den man besser vor anderen geheimhielt. Nicht zuletzt Goldman Sachs hatte eine wesentliche Rolle bei der Zuspitzung der Krise gespielt, indem die Bank skrupellos zweifelhafte hypothekenbesicherte Wertpapiere verkauft hatte. Nach dem Kollaps stellte der Berufsstand deshalb für viele eher das Problem als die Lösung dar. Von den Regierungen wurden Regulierungsmaßnahmen ergriffen, um das individuelle wie kollektive Verhalten der Finanzkaste besser kontrollieren zu können, und Goldman Sachs wurde zu einer Geldstrafe von 5 Milliarden Dollar verdonnert. (Dennoch wiesen die Verantwortlichen jede individuelle Schuld von sich, und die Banken profitierten von den Rettungsschirmen der Regierungen.) Ein knappes Jahrzehnt später mag es vielleicht ein irgendwie besseres Gefühl verschaffen, sich als Manager und nicht als Banker zu bezeichnen. Aber auch die feiern unverfroren ihr Comeback. Rückblick Dass Wirtschaft und Finanzwelt großen Einfluss auf Regierungen ausüben, ist freilich nicht neu. Kapitalismushistoriker beschreiben bereits seit langer Zeit die enge Verflechtung zwischen der Ausbildung moderner politischer Formen und Praktiken einerseits und den für Kapital oder Kredite sorgenden Aktivitäten der Finanziers andererseits. Im Frankreich von Ludwig XIV. kam den Bankiers eine maßgebliche Rolle bei der Kriegsfinanzierung zu. Ein Jahrhundert später, zur Zeit von Ludwig XVIII., waren sie die Vorhut in Friedenszeiten, halfen dabei, die Reparationszahlungen für die Napoleonischen Kriege zu finanzieren oder sorgten in anderen Teilen Europas für die finanzielle Basis von Staatsgründungen und imperialen Expansionsbestrebungen. In dieselbe Epoche fiel auch die Entstehung eines internationalen Rentenmarkts als beliebter übernationaler Markt für Staatsanleihen, der seine eigenen Blasen kannte und zerplatzte – mit verheerenden Folgen für kurzfristig aufgesprungene Investoren, aber auch die Finanzinstitute selbst. Dennoch liehen die Bankiers europäischen Staaten wiederholt riesige Geldsummen, ob es sich dabei nun um Preußen, Russland, Österreich, Spanien, Portugal oder Großbritannien handelte. (...)

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  • Carmen in Kattowitz

    Nach Belgien führte mich zunächst gar nicht die Oper. Ich war wegen des Gipfeltreffens der europäischen Staats- und Regierungschefs nach Brüssel gereist. Die Erwartungen waren diesmal, im Dezember 2012, besonders hoch. Aus der Sommerpause war die deutsche Bundeskanzlerin mit dem Entschluss zurückgekehrt, Griechenland in der Währungsunion zu halten, und zuletzt hatte sie für ihre Verhältnisse sehr euphorisch über ein enger vereintes Europa gesprochen. Doch von den großen Plänen blieb nichts übrig. Während der zurückliegenden sechs Wochen war die Idee für eine grundlegend erneuerte Wirtschafts- und Währungsunion ganz still verschwunden. Ich fuhr weiter zu einem erfreulicheren Termin. Im nahen Antwerpen stand Mozarts Zauberflöte auf dem Spielplan. Das Stück gehört zwar nicht zu den Raritäten des Repertoires, aber der Name des jungen deutsch-französischen Erfolgsregisseurs David Hermann weckte die Hoffnung auf eine originelle Inszenierung. Und tatsächlich: Sarastro trat als widerlicher Sektenführer auf, den Tamino am Ende mithilfe einer Pistole aus dem Weg räumte. Mir gefiel das. „Wen solche Lehren nicht erfreuen, verdienet nicht ein Mensch zu sein“: Der Anspruch Sarastros galt mir stets als Inbegriff totalitären Denkens, jener Dialektik der Aufklärung, die zwei Philosophen aus Frankfurt sehr viel später als große Neuigkeit ausgaben. Auch das Antwerpener Publikum klatschte begeistert. Jung und wild zu sein, gesellschaftspolitisch liberal und für alles Neue auf der Welt empfänglich: Es war paradoxerweise diese Rhetorik der Offenheit, mit der sich flämische Nationalisten vom belgischen Staat und den vermeintlich konservativeren Wallonen abgrenzten. Die Spaltung des Landes spiegelt sich in der Oper, die Musiktheater sind wie alles im Land nach Proporz organisiert. Für die Frankophonen steht in Lüttich die Opéra Royal de Wallonie bereit, fürs Niederländisch sprechende Publikum spielt in Gent und Antwerpen das Ensemble der Vlaamse Opera. Die Brüsseler Hauptstadtregion schließlich verfügt über ein strikt neutrales Opernhaus, das in beiden Sprachen stets die gleiche Anzahl von Programmbüchern bereithält, auch wenn dank frankophiler Eurokraten die flämische Version kaum Anklang findet. Schon bei der Staatsgründung 1830 führte die Oper eine Spaltung herbei: Bei einer Aufführung von Aubers Die Stumme von Portici sah das Brüsseler Publikum die vermeintliche Unterdrückung durch die nördlichen Niederlande im Bühnengeschehen so sehr gespiegelt, dass es sogleich auf die Straße ging, Revolution machte und einen abermals prekären Staat namens Belgien gründete. Die sinnenfrohen und dementsprechend opernaffinen Katholiken im Süden trennten sich von den Puritanern im Norden, die erst 1986 ihr erstes festes Opernhaus in Amsterdam errichteten. Ganz falsch sind die Klischees über Flamen und Wallonen nicht. Wo in Antwerpen die Zauberflöte ihr Todesopfer fordert, bleibt Lüttichs Spielplan im Ganzen eher brav. Wo in den meisten Brüsseler Spesenrestaurants livrierte Kellner traditionelle französische Kost auftischen, fühlen sich die Szenerestaurants im schicken Antwerpener Süden wie ihre Verwandten in Berlin-Mitte an. Und wo die Wallonen in Belgien wie in Europa an überkommenen Institutionen festhalten, möchten die Flamen sie lieber umstürzen. Der neue Nationalismus kommt, beunruhigend genug, im Hipster-Gewand daher. (...)

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  • Die Antike – das „nächste Fremde“?

    Das klassische Altertum ist schon seit langem entzaubert und zur griechisch-römischen Antike geworden. Man muss weit zurückgehen, um ernsthafte Versuche aufzuspüren, antiker Kunst und Literatur den normativen Charakter des Klassischen zuzusprechen und die platonische Trias des Guten, Schönen und Wahren wiederzubeleben. Einer der tatkräftigsten Totengräber des klassischen Altertums war Friedrich Nietzsche – nicht ohne Ironie, war Nietzsche doch selbst von Hause aus Altphilologe und Inhaber des Basler Lehrstuhls für Gräzistik. Nietzsche schwärmte vom "furchtbar-schönen Gorgonenhaupt des Klassischen", aber seine Begeisterung für die vitale Abgründigkeit der griechischen Kultur begrub die edle Einfalt und stille Größe, die Winckelmann und seine Jünger in antiken Statuen sahen. Zugleich leistete auch Nietzsches Antipode, der wilhelminische Staatsphilologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, seinen Beitrag zum modernen Untergang des klassischen Altertums. Dem positivistischen Bestreben, das gesamte antike Material – von der Verwaltungsinschrift zum kleinsten Papyrusfetzen – zu erfassen, fiel letztendlich der klassische Kanon zum Opfer. Zwar beschwor Werner Jaeger in den 1930er Jahren noch einmal das klassische Bildungsideal, aber die Barbarei des nationalsozialistischen Deutschland raubte seinem "Dritten Humanismus" jegliche Legitimität. Und doch ist die Präsenz der Antike in der Gegenwart nicht nur eine Parole, mit der Latein- und Griechischlehrer auf Elternabenden für ihre Fächer werben. Auch das litaneiartige Herunterbeten von Begriffen, die aus dem Griechischen und Lateinischen stammen – Politik und Republik, Fantasie und Kultur – und das ad nauseam vorgetragene Credo vom griechischen Ursprung der Philosophie und der römischen Prägung unseres Rechtssystems können nicht davon ablenken, dass gerade die antike Literatur einen festen Bezugspunkt in unserer Welt bildet. Um nur zwei Beispiele zu geben: Thukydides ist von den Vertretern des Politischen Realismus zum Ahnherren erkoren worden, seine Geschichte des Peloponnesischen Krieges ein kanonischer Text in amerikanischen Militärakademien. Geeigneter zur Werbung für den altsprachlichen Unterricht in alteuropäischen Elternhäusern dürfte die griechische Tragödie sein, die einen festen Platz im Repertoire unserer Theater hat. Ein eifriger Journalist zählte in den Spielplänen des vergangenen Jahres elf Antigone-Inszenierungen und erklärte die sophokleische Tragödie zum "Stück der Stunde". Wie aber fasst man die anhaltende Signifikanz der Antike, ohne zum diskreditierten Begriff des Klassischen zurückzukehren? Als Formel hat sich das "nächste Fremde" etabliert, als das Uvo Hölscher die Antike in seinem "Selbstgespräch über den Humanismus" bezeichnete: Die antike Welt sei uns hinreichend fremd, um unsere Denkgewohnheiten in Frage zu stellen, und zugleich nahe genug, um relevant zu sein. Wird die gegenwärtige Bedeutung der antiken Welt erörtert, dauert es nicht lange, bis diese Formel fällt und die Diskussion – gewöhnlich unter gefälligem Murmeln und konsensuellem Nicken – beendet. Kein Wunder, dass die Vertreter des Deutschen Altphilologenverbandes das "nächste Fremde" wie eine Monstranz vor sich hertragen. (...)

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