• Homestorys (III): Zeige mir, wie du wohnst

    In der monatlichen Magazinbeilage der Neuen Zürcher Zeitung erscheint unter dem Titel Wer wohnt da? seit 2005 eine außergewöhnlich langlebige Kolumne. Welchen Stellenwert Redaktion und Verlag ihr beimessen, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass sie alle konzeptionellen und formalen Umgestaltungen, mit denen die NZZ auf die im Lauf der vergangenen gut anderthalb Jahrzehnte auch in der Schweiz chronisch gewordene Krise der Printmedien reagierte, fast unverändert überstanden hat. Wer wohnt da? ist eine unterhaltsam verkomplizierte Homestory, eine Mischung aus Wohlfühlreportage, alltagshermeneutischem Detektivspiel und spätmodernem Wohnknigge. Den Ausgangspunkt jeder Folge bilden drei professionell gefertigte Farbfotos, wie man sie auch in einem Wohnmagazin finden könnte. Jedes davon gibt großzügig Einblick in unterschiedliche Räume – meist Wohnzimmer und /oder Küche, häufig aber auch Schlaf- und /oder Badezimmer – einer Privatwohnung, über die darüber hinaus nichts bekannt ist und deren Nutzer nicht nur unsichtbar, sondern auch ungenannt bleiben. (mehr …)

  • Trennlinien – Die Bildungsklassengesellschaft der achtziger Jahre

    Die Schwestern verließen die Stadt 1981, im Jahr meiner Einschulung. Über hundert Jahre hatten sie Mädchen aus der Gegend unterrichtet. In Bayern galt ab 1802 die Schulpflicht. Die Klassenstärke von etwa siebzig Schülerinnen und Schülern war beachtlich, die pädagogischen Fähigkeiten der Schwestern und ausgedienter oder invalider Militärs waren aus heutiger Sicht sicherlich begrenzt. Nach sechs, später sieben Jahren war es außerdem verpflichtend, im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst noch für drei Jahre die Feiertagsschule zu besuchen, um die sogenannte Christenlehre des Katechismus zu studieren.

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  • Von wegen Anthropozän

    Noch in diesem Jahr dürfte es die International Commission on Stratigraphy amtlich machen: Wir leben in einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän. Bisher hatten wir uns im Holozän befunden, jener Ära, die am Ende der letzten Eiszeit begann, vor rund 12 000 Jahren, und in der sich alles abgespielt hat, was als Menschheitsgeschichte im engeren Sinn gelten kann, die Sesshaftwerdung, die Städtegründung, die Erfindung der Landwirtschaft und der Schrift: alles, was irgend den Anspruch erheben darf, Kultur zu sein.

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  • Gab es ihn doch, den deutschen Sonderweg? Anmerkungen zu einer Kontroverse

    Totgesagte leben länger, so heißt es. Offenbar gilt das auch für die Denkfigur eines »deutschen Sonderwegs« in die Moderne. Endlich, so jubelten schon vor gut vier Jahrzehnten konservative Publizisten, sei die Legende vom Sonderweg der Deutschen, ihrer notorischen Abweichung vom angeblich normalen Entwicklungspfad der westlichen, zumal der angelsächsischen Völker hin zu Freiheit und Demokratie der Garaus gemacht worden, und zwar ausgerechnet durch zwei junge, eindeutig linke englische Historiker, nämlich David Blackbourn und Geoff Eley in ihrem 1980 erschienenen Buch Mythen deutscher Geschichtsschreibung.1 Sie hätten, so formulierte es Eberhard Straub in der Frankfurter Allgemeinen vom 27. Januar 1981, die Deutschen von ihren »eingebildeten Leiden« befreit.

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  • Die Entstehungsgeschichte von Edward Saids „Orientalismus“

    Edward Saids Orientalismus ist schon lange ein akademischer Klassiker. Als die englische Originalausgabe 1978 bei Pantheon Books in New York erschien, war die große Resonanz, auf die es stoßen sollte, allerdings nicht ansatzweise abzusehen. Das Buch beginnt mit einem krassen Schwenk über die im Bürgerkrieg ausgebrannte Architektur der Altstadt Beiruts. Daran schließt sich ein Exkurs über die Geschichte einer obskuren akademischen Disziplin aus der Zeit der Romantik an. Die Kapitel springen von der Literatur des 19. Jahrhunderts über die opera buffa des Medienbetriebs der Vereinigten Staaten zu den üblen Machenschaften von Henry Kissinger. Wer noch nie etwas von Said gelesen hatte und nicht vertraut war mit den Schriften des Historikers William Appleman Williams über das Empire als »a way of life« oder auch mit der Dichtung von Lamartine, den musste die Auswahl der Quellen verwirren oder gar überfordern. Die eine Hälfte der Philologen und Historiker, deren Urteile über den Erfolg des Buches entschieden, sah in dem Buch einen Triumph der Wissenschaft, die andere empfand es als Skandal – niemand aber konnte es einfach ignorieren. (mehr …)

  • Das pandemische Ende der Digitalisierung. Digitalkolumne

    Erinnern Sie sich noch an die lange Digitalisierungsdebatte des letzten Jahrzehnts? Damals gab es keine Reden ohne die ernstgemeinten Hinweise auf »Daten als das Erdöl der Zukunft«, keine Kolumnen ohne ein bewegendes Zeugnis von raffinierter und deshalb auswegloser »(Selbst)Überwachung« auf dem Handy, keine Strategiepapiere und keine Podiumsdiskussionen, die sich nicht mit frisch aufgetauter »Künstlicher Intelligenz« oder gründlich reanimierten »Vernetzungsgefahren« des neu erfundenen »Plattformkapitalismus« beschäftigt hätten. (mehr …)

  • Ortsbesuch in Hambach

    »Kennst Du den Hambacher Forst, war das nicht der Ort, an dem Du Rettungsgrabungen gemacht hast?« Dies schrieb ich kurz vor meiner Fahrt in das rheinische Braunkohlerevier einem befreundeten Archäologen, Klaus Hilbert, der heute in Brasilien lehrt. Klaus antwortete sogleich, sandte sogar Fotos von der damaligen Grabung. »Das war Ende der 1970er Jahre. Wir haben die Erdschichten damals Zentimeter für Zentimeter abgezogen, teilweise mithilfe von Baggern, die das ganz vorsichtig abkratzen, zum Teil aber auch mit Maurerkellen von Hand.« Die Archäologen waren fündig geworden, unter anderem entdeckte man das Grab eines römischen Legionärs, der vor rund 1700 Jahren dort beerdigt wurde. Von ihm war nur ein Schatten übriggeblieben, mit wenigen Habseligkeiten und seinem Hund hatte man ihn begraben. »Carpe diem, denk an den Legionär« hatte die Mail von Klaus geendet. (mehr …)

  • Ehrlichkeit, Glauben, Vertrauen – Zeitung aus dem 17. Jahrhundert

    Die Dichterin Sibylla Schwarz, an deren 400. Geburtstag im Februar erinnert wurde, schrieb ein bemerkenswertes Trostgedicht für Christina Maria von Seebach, weil die Nachricht ankam, deren Mann sei in Kriegshandlungen gestorben.1 Die Überschrift des Gedichts verdeutlicht die Kommunikationssituation: »An || Christina Maria von Seebach || etc. Weiland || u. Herrn Alexanders von Forbusch || u. Obersten || u. Hertzgeliebte Gemahlin || als die traurige Zeitung kam: dieser ihr Liebster sey gestorben.« In diesem Gedicht versucht Schwarz, Trost zu spenden mit dem Hinweis darauf, dass die Nachricht vom Tod des Ehemanns falsch sein könnte. Im Gedicht verweist Schwarz auf die Unzuverlässigkeit solcher Nachrichten und setzt auf die Hoffnung, der geliebte Ehemann von Christina Maria von Seebach könnte bald zurückkehren. (mehr …)

  • Aby Warburgs Serendipity

    Der Bilderatlas Mnemosyne, den Aby Warburg bei seinem Tod im Jahr 1929 unvollendet hinterlassen hat, zählt zu den großen Mythen der Kulturwissenschaft. Im Herbst 2020 sind die 63 Bildtafeln, auf denen das Layout des als Buchprojekt geplanten Atlas erprobt wurde, zusammengesetzt aus den nahezu tausend Reproduktionen, die sich aus Warburgs Besitz im Bildarchiv des Warburg Institute in London haben ausfindig machen lassen, im Berliner Haus der Kulturen der Welt erstmals wieder montiert worden. Beworben wurde die Ausstellung mit dem Zusatz »Das Original«.1

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  • Dekontaminierte Landschaften

    Auf einem Waldweg bei Łomazy kommt uns ein Bauer mit dem Fahrrad entgegen, der weiß, wo die Erschießungen stattgefunden haben. Es ist eine Szene wie aus Claude Lanzmanns Film Shoah. Augenzeugen des Holocaust gibt es fast keine mehr, aber die Menschen, die an den Orten der einstigen Massenmorde wohnen, haben die Geschichte nicht vergessen. Seine Großmutter und sein Vater, der damals vierzehn Jahre alt war, hätten die Exekutionen heimlich beobachtet, erzählt uns der 1960 geborene Piotr Szatalowicz, ihr Anwesen lag direkt neben dem Wald. Zwar hätten die Deutschen die Bauern vor ihrer Aktion weggeschickt, aber die Bewohner von Łomazy wussten alle, was geschah. Die Gemeinde ist klein, jeder konnte sehen, wie die siebzehnhundert Juden am 18. August 1942 im Schulhof und auf dem Sportplatz zusammen- und dann von Polizisten eskortiert in den Wald getrieben wurden. Der Vater des Bauern führte seinen Sohn später an die Stelle, wo die Massengräber sich befinden. (mehr …)