• Liberale gegen Populisten?

    Es gibt derzeit immer mehr von dem, was man »politische Gesprächsleitfäden« nennen könnte, mit aufmunternden Titeln wie Argumentationstraining gegen Stammtischparolen oder Mit Rechten reden. Das lässt den Verdacht aufkommen, hier würde auf eine substantielle politische Herausforderung durch Rechtspopulisten mit rein diskursiven Strategien – deutlicher gesagt: mit purer PR – reagiert; die eigentlichen Probleme der Bürger hingegen gerieten erst gar nicht in den Blick. Verschärft wird der Vorwurf, wenn man die Gegner des Populismus kurzerhand zu »Liberalen« deklariert und ihnen dann vorwirft, ihre Politik erschöpfe sich im Moralisieren (wobei meistens unklar bleibt, was genau denn ein moralisches Argument von einem »moralisierenden« unterscheidet).

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Thymos

    I

    Seit einigen Jahren wird ein Begriff der antiken Seelenlehre zur Diagnose unserer Gegenwart gebraucht: »Thymos«. Übersetzbar im Bedeutungsfeld von Mut, Tatkraft, Zorn, dient er zur Erklärung von Willensbekundungen gegen Flüchtlinge, die politische Linke, die Presse oder die Bundeskanzlerin. Auch die Veränderung der politischen Sprache fällt unter die Ausübung des Thymos. Vom »Zorn der freien Rede« sprach ja schon Ernst Moritz Arndt, und bereits bei ihm ging dieser Zorn mit der Missachtung einher, die heute zu beobachten ist. All das entspringt einem Gefühl des Mangels, genannt »thymotische Unterversorgung«. Es gründet in der Auffassung, dass Mut, Tatkraft und Zorn, notwendige Faktoren unserer seelischen Verfassung, im politischen Raum keinen Ort mehr fänden, so dass eine Unterversorgung eingetreten sei, die sich in jenen Phänomenen Luft verschaffe. Die lange Zeit stillgestellten Bürger wehrten sich endlich. So gesunde der Seelenhaushalt – und mit ihm das Gemeinwesen, das seit alters als ein Bild der Seele verstanden werden kann.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Griechische Tragödie. Zu Bernd Wittes Studie »Moses und Homer«

    Im August 1794 schreibt Schiller an Goethe, dieser sei ein griechischer Geist. »Wären Sie als ein Grieche, ja nur als ein Italiener geboren worden, wäre Ihr Weg unendlich verkürzt, vielleicht ganz überflüssig gemacht worden.« Nun sei er aber als Deutscher zur Welt gekommen, und es bleibe ihm daher keine Wahl, als »gleichsam von innen heraus und auf einem rationalen Wege ein Griechenland zu gebären«.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 2019, erschienen.)

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  • Ganz schön erhaben

    Gesang ist es nicht, Sprechgesang auch nicht. Es sind Geräusche mit dem Mund, mit oder ohne Ober- und Untertöne, mal als Worte erkennbar, manchmal ganze Sätze bildend, dann wieder Schnalzen, Knurren, Krächzen, Rufen, Schreien und Flüstern. Die instrumentelle Begleitung beschränkt sich auf ein Schlagholz, eine Triangel, ein Klatschen. Zuweilen gibt der Dirigent den Takt an, zuweilen sitzt er am Rand und hört zu, zuweilen gibt er dem Publikum den Einsatz, zu klatschen. Die Sänger stehen mal in der Reihe, mal im Kreis, mal vor dem Publikum, mal hinter ihm, mal laufen sie in wechselnden Formationen durch den Raum.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Paneuropa, Löberitz. Dankesrede zur Verleihung des Heinrich-Mann-Preises

    Wer über Wegbereiter der europäischen Einigung reden will, hat mit Heinrich Mann leichtes Spiel. Am deutlichsten zeigt sich das in den Essays der zwanziger Jahre. Einsatz für die Aussöhnung mit Frankreich? Check. Europa als Friedensprojekt? Check. Kultureller Austausch als Eckpfeiler internationaler Zusammenarbeit? Check.

    Zudem kannte Heinrich Mann die richtigen Leute. Er stand in Kontakt mit Richard Coudenhove-Kalergi, jenem japanisch-österreichischen Gründer der Paneuropa-Union, dem Historiker längst einen Ehrenplatz in der Vorgeschichte der Europäischen Union zugewiesen haben. (mehr …)

  • Volk durch Verfahren – Populismus als Diskurseffekt

    Before the internet, if you had different views or interests from the people in your neighborhood, it was harder to find a community that shared your interests […] Now, you can connect with anyone and use your voice. You don’t have to go through existing institutions in the same way. People now have much greater power. Mark Zuckerberg Populismus ist nichts anderes als ein Diskurseffekt! So hätte man jedenfalls früher nach der Foucault-Lektüre seufzend feststellen können, ohne große Widerworte erwarten zu müssen. Heute sind die Zeiten dafür aber zu ernst: Die AfD ist, so heißt es jetzt, ein politischer Ressourcenmakler und keine imaginäre Institution, Trump ist ein echter Mensch – und zwar ein echt böser – und er wird niemals »wie eine in den Sand gezeichnete Figur« verschwinden! Soziale Deprivation, kulturelles Abgehängtsein, Stadt-Land-Gefälle, die Krise der Gewerkschaften und wahrscheinlich auch die Inflation scheinen jedenfalls vielen ernstzunehmenden Beobachterinnen und Beobachtern weitaus bessere Erklärungen für den Populismus zu liefern als irgendwelche Diskurskamellen.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Tratinčica

    Im Esszimmer meiner Eltern hängt ein Foto. Aus einem unserer unzähligen Sommerurlaube. Strahlende Sonne. Funkelndes Meer. Papa steht hüfttief im Wasser, ich bin zwölf oder dreizehn oder elf und balanciere auf seinen Händen, seine Arme sind in den Himmel gestreckt. Auf den ersten Blick sieht hier alles aus wie immer. Auf dem Fenstersims im Wohnzimmer reihen sich dieselben Blumen, auf dem Balkon steht noch derselbe dunkelbraune Tisch mit den Eisenfüßen. Das große Aber: Der Ort meiner Kindheit ist modifiziert. In meinem alten Kinderzimmer, in meinem alten Kleiderschrank lagern hochkalorische Nahrung, frische Kanülen, Notfallsets. Früher stand ich auf Händen, heute stehe ich zwischen Schläuchen und Herz-Rhythmus-Piepen, unter der Anti-Decubitus-Matratze staubt die Erinnerung an dieses unverschämte Blau des Meers schmerzhaft ein, hinter dem Atemgerät liegt der Rest unseres früheren Lebens.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Die Farben der Elster

    Die Elster, eine schwarzweiße Bewegung, ein Ruf aus der Baumkrone. Amseln flattern in Deckung, Tauben benehmen sich unauffällig. Der Schrei einer Elster verspottet die Welt. Jeder Märchenkonsument weiß: Die Elster ist ein böser Vogel, sprichwörtlich diebisch ist sie. Ich sitze im Süden, in Frankreich, und stehle meine eigene Zeit. Ich habe die notwendige Muße, um Elstern zu beobachten. Sie jagen sich von Baum zu Baum am Rande des Sees, lange schwarze Bindestriche zwischen der Vegetation, und schackern metallisch. Nur wenn die Rohrweihe über den Schilfgürtel gleitet, geben sie Ruhe.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Männlichkeit 2019

    Ein Bettler schreitet durch die U-Bahn. Aufrecht. Er streckt die Hand aus. Er sagt etwas, ich verstehe es nicht, es ist mehr ein Grunzen. Er bettelt nicht, er fordert, herrisch, der Bettler ist ein Herr. Er fordert Respekt, für seine Männlichkeit. Ich sitze in der U-Bahn, Männlichkeit schreitet an mir vorüber, eine Performance, die offenbar sich selbst genügt, denn sie bringt dem Performer nichts ein – außer der Gewissheit, dieses Eine verlässlich verweigert zu bekommen, Respekt, so dass er ihn in alle Ewigkeit weiter einfordern kann, mit ausgestreckter Hand und regelmäßigem herrischen Grunzen.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Fakten, Fakten, Fakten. Über den Siegeszug des Positivismus im Kielwasser des Postfaktischen

    »›Fact, fact, fact!‹ said the gentleman. And ›Fact, fact, fact!‹ repeated Thomas Gradgrind.« So ließ 1854 Charles Dickens in seinem Roman Hard Times die Vertreter des englischen Bürgertums in der Epoche von Utilitarismus und Industrialisierung ihre Weltsicht in ihren eigenen Worten zusammenfassen – aber nur, um sodann zum schauerlichen Vergnügen des Lesers diese hard fact fellows mit der Einfalt ihrer Tatsachengläubigkeit, die so etwas wie Moral, Religion, Pädagogik und Wirtschaftswissenschaft in einem Entwurf darstellte, jämmerlich an der Realität scheitern zu lassen. Die »Logik der Tatsachen« entlarvte Dickens als ziemlich kurzsichtig.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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