• Kokosraspeln und zarte Milchcreme

    W as weg ist: die Wirklichkeit. Und die Sauftouristen vor meinem Fenster sind auch weg. Was da ist: Bilder. Unfassbar viele Bilder. Dabei sind die Sauftouristen vor meinem Fenster alle noch da. Ich glaube nur nicht mehr daran, dass sie da sind. Sie können nicht mehr wirklich da sein, weil die Mode, mit dem Billigflieger nach Berlin zu fliegen und dort Billigbier zu saufen, verboten gehört, wenn wir unser aller Leben retten wollen. Und weil die Billigflüge verboten gehören, sind sie es in meinen Augen schon, und ich sehe die Touristen nicht mehr, so tief ist mein Glaube an die Vernunft. Ich höre auch ihre Saufgesänge und Brunftschreie nicht mehr. In meinen Augen saufen sie schon wieder zuhause.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Es gibt eigentlich nur noch zwei Freizeitaktivitäten: Komasaufen und Komaknipsen. Ich möchte gern weiter über die Großstadt als geistige Lebensform schreiben, aber die Bilder schieben sich dazwischen. Ich kann nicht über sie hinwegsehen, es sind zu viele. Ich erinnere mich an ein Lustiges Taschenbuch aus den siebziger Jahren, vergangenes Jahrtausend, da gab es Bilder, die so böse waren, dass sie sogar die brave Micky Maus zwangen, böse Dinge zu tun, nur weil sie das Bild einer bösen Tat gesehen hatte. Ist das Bild böse, macht das Bild mich böse, oder habe ich den bösen Blick? Das ist immer die Frage. Die Bilder, die ich heute sehe, weichen ihr aus. Sie sind so lieb und kanten- und konturlos, dass sie sogar mich zwingen, Awwwwwwww zu machen. (Awwwwwwww sagt man, wenn man auf Twitter niedliche Ottervideos guckt.) icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Zur Lustigen-Taschenbuch-Zeit habe ich mit meiner ersten Kodak Instamatic quadratische Schwarzweißbilder geschossen, auf denen winzige Gestalten stocksteif vor Bäumen standen; sie waren winzig, weil mein Vater mich gewarnt hatte, ich dürfe ihnen nicht die Füße abschneiden, das sei das Geheimnis der Fotografie. Heute haben wir alle kleine Apparate in der Tasche, mit denen wir Filme in John-Ford-mäßiger Breitwandqualität drehen könnten, wenn wir Geschmack hätten, aber wir haben ja keinen und beharren trotzig darauf, keinen zu haben, und zwar mit Schmackes, das ist unser Kleinbürgerrecht. Deshalb Bokeh-Effekt hinter jedes Häschen, jedes Kätzchen, jeden Otter. Der Bokeh-Effekt, diese süße Unschärfe des Bildhintergrunds, ist das Raffaello der Fotografie, der leichte Kokosnussgenuss an der Supermarktkasse. Ich erinnere mich an eine Fernsehwerbung, da hat eine Deutsche auf einer Party in Hollywood ihre Gäste mit Raffaello-Konfekt verzaubert, und alle waren gekleidet wie deutsche Kleinbürger, die im Terrassencafé am Bodensee Großbürger spielen, die aber auch nicht mehr wissen, wie man sich kleidet. Heute kann jedes Telefon Bokeh, also Hollywood als deutsche Kleinbürgerfantasie. Jeder kann gnadenlos Raffaello-Kokosraspeln und zarte Milchcreme über alles rüberraspeln.

    (…)

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  • Die blaue Stunde, trauriges, lebendiges Beirut

    I n einer Seitenstraße finde ich einen Tabakladen mit Getränken, Süßigkeiten und Zeitungen. Draußen stehen Plastikstühle. Eine ältere Frau sitzt am Tisch und trinkt Kaffee aus einem winzigen Pappbecher. Ihr Haar scheint frisch onduliert. Neben ihr ein Mann, er könnte ihr Sohn sein, mit einer Dose Pepsi. Er trinkt durch einen Strohhalm, Zigaretten und Handy liegen griffbereit auf dem Tisch. Als er den Tisch verlässt, schaut die Frau nach, ob in der Dose noch etwas drin ist. Der Mann aus dem Laden kommt heraus, räumt den Tisch ab.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Die wenigen Reiseführer, die es über Beirut gibt, sparen das Viertel in dem ich gerade bin, völlig aus. Es heißt Zokak el-Blat, die gepflasterte Straße. Von der Mittelmeerküste aus betrachtet, befindet es sich direkt hinter dem Märtyrerplatz, auf der Demarkationslinie, die Ost- und West-Beirut voneinander trennt. Ein paar hundert Meter weiter ist das Grand Serail, das Hauptquartier des libanesischen Ministerpräsidenten. Auch wenn in unmittelbarer Nähe des Tabakladens keine Regierungsgebäude sind, wage ich nicht zu fotografieren. Überall hängen Plakate von schiitischen Märtyrern und Porträts von Hisbollah-Führern. Lange schwarze Stoffbahnen mit weißer Schrift, horizontal drapiert, umspannen die Gebäude wie Schleifenbänder. Grün sehe ich auch, es ist die Farbe des Islam. Zokak el-Blat ist ebenso der Sitz des griechisch-katholischen Patriarchats und wird daher in der Umgangssprache »al-Batrakieh« genannt. Vor den zahlreichen kleinen Geschäften arbeiten Tischler unter der jetzt milden Sonne und restaurieren Möbel. Es gibt Gemüse- und Obstläden, auch Imbisse, aber ohne westliches Flair. Ganz anders als in dem Viertel, in dem ich wohne. Da ziehen die Restaurants, Bars und kleinen Cafés internationales Publikum an. Überall werden drei Sprachen gleichzeitig gesprochen, English, Französisch und Arabisch in einem Satz. Die Leute von al-Batrakieh findet man hier nicht. Wie man sich umgekehrt in Batrakieh keinen Ort wie das Electric Bing Sutt vorstellen könnte: eine Bar in einem Gewölbe der alten Häuser in der Rue Gouraud, die nur mit roten, gelben und pinken kantonesischen Neonbuchstaben beleuchtet ist. Asiatische Fusion-Drinks und Snacks gibt es hier. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Es ist einer der vielen Läden, die vor kurzem eröffnet haben. Alles verschiebt sich und bleibt beweglich in Beirut. Torino Express ist gerade mal fünfzehn Jahre alt und damit die älteste Bar in dieser Straße. Sie gehört einem Deutsch-Libanesen, der mit ein paar Freunden noch andere Cafés und Bars im Viertel betreibt. Der Stress, den man spürt und der sich in den Gesichtern der Menschen in Beirut widerspiegelt, ist der unsicheren ökonomischen Lage geschuldet. Trotzdem, oder gerade deshalb, zahlen die Leute hier die hohen Preise für Cocktails und winzige Imbisse, die in Vierteln wie Gemmayze und Mar Mikhael angeboten werden. Wieder das Gegenteil in al-Batrakieh, niemand spricht hier Englisch, die Preise sind niedrig, man kommt mit Leuten ins Gespräch. Es geht auch hier immer wieder um Geld und Inflation, aber die Themen bleiben an der Basis, woher man kommt, ob es dort besser ist, wie viele Kinder man hat. Pro forma wird schließlich eine Einladung zum Tee ausgesprochen, weil es sich so gehört. Ich falle allerdings immer mal wieder darauf herein und entschuldige mich dann, dass ich eine andere Verabredung habe. Bis auf die schiitische Dekoration erscheint alles schlicht und zweckmäßig. Der Imbiss nebenan hat keinen Namen, jedenfalls keinen sichtbaren. Auf nur einem Quadratmeter werden Falafel-Bällchen frittiert und verkauft. Eine kleine Scheibe schützt das Essen vor Straßenstaub. Ich habe allerdings keinen Appetit, obwohl ich bereits mehrere Stunden zu Fuß quer durch die Stadt gelaufen bin. Auf dem Hinweg ist alles noch ganz einfach – Treppe runter, links auf die Armenia Street, die irgendwann in die Rue Gouraud mündet, über den Märtyrerplatz Richtung Stadtzentrum, Downtown Beirut, und schließlich die Küstenstraße entlang bis nach Hamra, das ist die Gegend, in der damals meine Familie gelebt hat, lange vor dem Bürgerkrieg. Die Strecke ist touristentauglich. Touristen sind auch die einzigen, die so eine Distanz zu Fuß zurücklegen würden, und ich natürlich, denn obwohl ich in dieser Stadt geboren wurde, bin ich hier fremd und bewege mich auf weitgehend unbekanntem Terrain. Auf dem Weg zurück umgehe ich die küstennahe Region. In Time Out schreibt jemand: »Watch with dismay as chain-smoking drivers blast out Arabic oldies and (lesen ...)
  • Akademische Größenverhältnisse: Ein Zettelkasten

    S ie würden, sagten die enthusiastischen Kollegen von der Universität, jetzt ihr großes Projekt eingeben. Und sie hätten mich da gerne dabei in Berlin, weil es doch transdisziplinär angelegt sei, fachübergreifend. Es werde Doktorandenstellen geben und regelmäßige Workshops, internationale Konferenzen und Sommerschulen, und der Name stehe jetzt auch fest, nach langen, intensiven Diskussionen: »Kleine Formen«. So bin ich als Gastwissenschaftler nach Berlin gekommen, für vier Wochen. Was sind kleine Formen?

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Die allerkleinsten Formen erscheinen zufällig. In Form von Autokennzeichen zum Beispiel. Ein großer schwarzer Nissan, und darauf steht: B-UH 810. Auf dem daneben: LOS-JA 52. Ein bisschen größere kleine Formen: Straßennamen. »Leberstraße«. »Fehlerstraße«. Kneipen: »Wurst-Käse-Szenario«. Die Aufschrift auf einem alten Lancia: »Rent-a-wrack.de« (die Idee ist aus Kalifornien, egal). Werbeslogans sind ebenfalls kleine Formen, am interessantesten, wenn sie schiefgehen: »Nemesis« (ein griechisches Restaurant). »Titanic« (ein Reisebüro). »Nichts macht mich mehr an« (ein Joghurt). Den akademischen Sammelband zum Thema gibt es bereits: Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Er ist 2017 erschienen, und seine Herausgeber wissen eines ganz genau, Einleitung, erster Satz: »Kürze ist modern.« Das Buch selbst ist dann nicht ganz so kurz (395 Seiten). Auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis – Rubrik Sachbuch – kam im selben Jahr eine Geschichte der Renaissance: Der Morgen der Welt (1321 Seiten). Eine Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert von 2014 hatte 1450 Seiten, die Unterwerfung der Welt, 2016 erschienen, 1648 Seiten – alle von deutschen Professoren geschrieben und als »umfassend«, »epochal« und »gewaltig« gelobt. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Ist Kürze wirklich modern? »Schnell und kurz zu sagen, was sonst kaum ein langsam konvergierender Paragraphe würde gesagt haben«, hatte 1766 Georg Christoph Lichtenberg in einem Aufsatz gefordert. »Dieses verdiente in allen Wissenschaften nachgeahmt zu werden.« – »Allein«, setzt er hinzu, »vielleicht fürchtet man sich vor einer solchen Erfindung in denen Wissenschaften, wo noch Platz übrig ist.« Reden über kleine Formen ist Reden über Größenverhältnisse, und wer von Größenverhältnissen spricht, spricht in Wirklichkeit von Platz. Wer darf ihn besetzen, den Platz, der noch übrig ist? Oder anders gefragt: Wenn die kleine Form, das Kurze, Knappe modern ist, wie steht es dann um das Gegenteil? Im universitären Sprachgebrauch ist das Reden über Größe allgegenwärtig. Das reicht von der Selbstbeschreibung des »Nachwuchses« als endlos verlängerter Kindheit (»Ich bin ja noch klein«, hat mir ein Postdoc gesagt, frisch habilitiert, zweiundvierzig Jahre alt) bis zu offiziellen Programmen, die für akademische Zwölfender bestimmt sind, wie Jäger vielleicht sagen würden. »Opus Magnum« lautet der offizielle Titel des Programms, das die Stiftung Volkswagenwerk seit 2006 finanziert. Es richtet sich an Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler, die, Zitat von der Homepage, »ein größeres wissenschaftliches Werk verfassen wollen«. Voraussetzung: Lebenszeitanstellung als Professor an einer deutschen Universität. Insgesamt wurden in den letzten zwölf Jahren 441 Anträge gestellt, vergeben wurde das Stipendium an 119 Personen. 2018 wurden vier Anträge bewilligt (von drei Männern und einer Frau); 2017 zehn (acht Männer und zwei Frauen). Die deutschen Universitäten verstehen sich selbst als Horte von Freiheit und Transparenz. Was darin jeweils als groß und klein gilt, unterliegt interessanten Sprachregelungen. Wenn es Großforschung gibt, wie verhält sie sich dann zur kleinen? Kleine Formen sind zum Beispiel die exempla, die Fallgeschichten. Eine Berliner Universität, Mitte der 1980er Jahre. Ein Mann schreibt vier Jahre lang im Fach Kunstgeschichte an seiner Doktorarbeit über den Bamberger Reiter, die berühmte Statue aus dem 13. Jahrhundert. Als die Arbeit fertig ist, gefällt sie seinem Doktorvater nicht, weil sie dessen eigene, vielpublizierte Thesen naiv und bizarr altmodisch aussehen lässt. Der Doktorand bekommt eine schlechte Note. Seine Dissertation – achthundert Seiten – erscheint als Microfiche, also unauffindbar, und weil er zwei Kinder zu ernähren hat, wird er Reiseleiter bei Studiosus. Dreißig Jahre später sitzt er mir in einem Café gegenüber, heiter und gelassen. Es sprudelt nur so aus ihm heraus über die Wunder der (lesen ...)
  • Große Fußstapfen

    . Machtprobe

    »Still missing: women in academia«. So formulierte jüngst eine Gruppe von Nachwuchswissenschaftlerinnen, die Frauen während der Promotion begleiten will. Natürlich: Die deutschen Statistiken zeigen für den Studienbeginn fächerübergreifend inzwischen ein recht ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Die Zahlen verschieben sich freilich, schaut man auf die Kultur- und Geisteswissenschaften. Hier nämlich sind 74 Prozent aller erfolgreichen Studienabgänger weiblich. 51,9 Prozent der Promovierenden sind Frauen, bei den Habilitationen sind es nur noch 39,4 Prozent, bei den Professuren 36,9 Prozent. Seit 1998 werden solche Daten systematisch erhoben und ausgewertet. Die trockene Tristesse der Zahlen in der Bundesrepublik baut Druck auf. Gremien können sich nicht länger ahnungslos stellen. Ihre Entscheidungen signalisieren: Wir haben verstanden.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Entsprechend geht der Trend bei den Berufungen, bei allen Schwankungen, recht steil nach oben. Lag der Frauenanteil unter den Professoren aller Fächer 1997 bei 9 Prozent, liegt er nach der jüngsten Erhebung bei 23,4 Prozent. Wer genauer hinschaut, mag eine beunruhigende Dialektik der Quoten erkennen: Zeigt die Binnendifferenzierung doch auch, dass der Frauenanteil an niedrig dotierten beziehungsweise befristeten Professuren besonders hoch ist. Immerhin 10 von 37 untersuchten Universitäten werden laut einer anderen Erhebung (2018) von Präsidentinnen oder Rektorinnen geleitet. Gleichzeitig werden nur 17 Prozent der Dekanate an eben diesen Universitäten von Frauen gesteuert.[2. Gender-Debatte an Hochschulen: An diesen Unis arbeiten die meisten Professorinnen. In: WBS vom 17. Oktober 2018 (www.wbs-gruppe.de/presse/aktuelle-pressemeldungen/gender-debatte-an-hochschulen-an-diesen-unis-arbeiten-die-meisten-professorinnen).] Leben die Macht- und Repräsentationsangelegenheiten der alten Ordinarienuniversität im Feudalsystem der Exzellenzcluster in neuer Gestalt weiter, so sind die asymmetrischen Strukturen in den großen außeruniversitären Forschungs- und Sammlungseinrichtungen noch stärker: Auch hier zeichnet sich in jüngster Zeit ein Umschwung ab. »Berlin, Essen, Marbach: Erstmals übernehmen Frauen die Spitzenpositionen in den deutschen Geisteswissenschaften«, hatte Johan Schloemann im März 2018 in der Süddeutschen Zeitung getitelt. Die Reihe setzt sich fort: 2019 wird auch die Klassik Stiftung Weimar mit Ulrike Lorenz eine Präsidentin bekommen. Kommt er jetzt endlich, der »Umbruch im akademischen Habitus«, den die SZ freudig angekündigt hat? Müsste es deshalb für den Wissenschafts- und Kulturbetrieb besser heißen: »War Autorität männlich?« icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!

    Habitus

    Rückblende: Eine zerknirschte, zürnende Studentin der Philosophie bekam 1925 von ihrem Professor und Mentor die folgenden Zeilen über die »Möglichkeiten fraulichen Wesens« an Universitäten zugestellt: »Männliches Fragen lerne Ehrfurcht an schlichter Hingabe; einseitige Beschäftigung lerne Weltweite an der ursprünglichen Ganzheit fraulichen Seins.«[3. Martin Heidegger an Hannah Arendt am 21. Februar 1925. In: Hannah Arendt/Martin Heidegger, Briefe 1925–1975. Hrsg. v. Ursula Ludz. Frankfurt: Klostermann 1998.] So schlecht sehe es für Frauen gar nicht aus, schrieb der Professor der Studentin frohgemut: Wenn Frauen ihre Zukunft nur nicht in einem »erpreßten wissenschaftlichen Tun« suchen,[4. Martin Heidegger an Hannah Arendt am 10. Februar 1925.] werden sie »dem freien geistigen Leben« Adel geben können.[5. Martin Heidegger an Hannah Arendt am 21. Februar 1925.] Von wem diese Worte stammen, verrät schon die philosophische Sprache: Martin Heidegger schickte sie an eine noch nicht zwanzigjährige Hannah Arendt. Gut vierzig Jahre später, wir schreiben das Jahr 1968: Hannah Arendt lebt und unterrichtet inzwischen in Amerika. Ihrer Freundin Mary McCarthy schickt sie ein bedrückendes Geständnis. Die Stimme einer gemeinsamen Bekannten habe sich plötzlich verändert, schreibt Arendt, sie sei erheblich tiefer geworden, »about a quint I would say«. Die Stimmlage rutschte um dreieinhalb Ganztöne ab, Arendts Haltung machte angesichts dieser Veränderung weit größere Sprünge: Sie begann eine Person ernst zu nehmen, die sie zuvor für dümmlich oder hysterisch gehalten hatte. (lesen ...)
  • European Son

    E s ist der fünfte März des Jahres 2000, und ich bin draußen. Ich laufe gegen den Wind über die schmale Fußgängerbrücke, die das Gleisfeld des Bahnhofs Winkeln überspannt, eines Vororts der Kantonshauptstadt St. Gallen. Ich denke nochmals: Ich bin draußen, nicht mehr in Deutschland. Ich habe alle bürokratischen Hürden genommen, in meiner Tasche steckt ein Ausländerausweis Klasse B. Eine B-Bewilligung. Ich darf in der Schweiz wohnen und arbeiten, ich lebe eine Art Sparversion des deutschen Traums vom Auswandern. Wenn schon nicht in die USA, dann in die mythische Schweiz, eine Gesellschaft, die so ist wie die unsere, nur viel besser und reicher und problemfreier, weil sie nicht Mitglied in der EU ist. Ich habe keine Vorstellungen von der Schweiz, mir hat nur die Universität gefallen.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Ich lese Pamphlete, die mir die rechtsnationale Schweizerische Volkspartei ins Haus schickt, Texte ihres Chefs Christoph Blocher, garniert mit Fußnoten, die mir sagen, dass ich hier nichts zu suchen habe. Ich bleibe trotzdem, unter dem Schutz der Grenzwacht, die Schweiz wird mein neues Drinnen, während sich draußen die Welt verändert, und das sehr schnell und tiefgreifend. Bald rechne ich zwischen Franken, Euro und D-Mark hin und her. Zur selben Zeit wird die SVP immer stärker. Ich weiß, dass ich hier nur geduldet bin, meine Zeit füllt sich mit Arbeit, es ist ohnehin egal, was die anderen denken, sie haben genug Zeit zu hassen, ich nicht. Sie haben aber auch Stimmrecht, ich nicht. In den schmalen Zeitfenstern, die mir bleiben, drifte ich erst durch St. Gallen, dann durch Zürich. Ein Gespenst geht um, in Nicht-Europa. Erst schreibt es eine Dissertation, dann einen Roman. Die professionelle Distanz zu mir selbst wächst mit jener zwischen mir und der Landschaft ringsum, das schärft die Texte. Ich entwerfe Plan A, Plan B, Plan C. Plan C ist die Rückkehr nach Deutschland. Es wird Plan B. Plan B ist, nebenbei, eine Gelegenheit, wieder in die Europäische Union zurückzukehren, nach draußen, ins Weite. Wien liegt mir näher als Berlin, hier verschwinde ich in meinem Dialekt und in der Masse der anderen EU-Bürger. Wie in der Schweiz darf ich auch hier Steuern zahlen, aber nicht politisch mitbestimmen – außer auf sehr begrenzter lokaler Ebene und bei der Wahl zum EU-Parlament, das kein Initiativrecht hat. Ein EU-Bürger hat in einem anderen EU-Land weniger Mitspracherechte als in einigen Schweizer Kantonen wie Jura oder Neuchâtel. Die Unionsbürgerschaft leitet sich aus der Staatsbürgerschaft der EU-Mitgliedsländer ab. Verlässt man ein EU-Land und zieht in ein anderes, lässt man seine Vollbürgerschaft zurück, lebt nur noch ihr Derivat. Wer sich voll auf die EU einlässt, ist in ihren Mitgliedstaaten kein ganzer Mensch. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Das stört mich zunächst wenig. In einer Gesellschaft, deren Analytiker gerne über den Verfall der Sozialdemokratie nörgeln und dabei ignorieren, dass die neue Arbeiterklasse hauptsächlich von Menschen gestellt wird, die kein Wahlrecht haben, mag die politische Entmündigung der EU-Bürger an den Orten, an denen sie leben und Steuern zahlen, ebenso selbstverständlich wie erwünscht sein. Das ist nicht immer so gewesen. Ich bin Mitglied einer Alterskohorte, die unter Helmut Kohl aufgewachsen ist. Die europäische Integration war ein langfristig angelegtes strategisches Projekt aller Regierungen der Bundesrepublik, das in großen Schritten voranging. Ein positives Projekt, mit dem ich einverstanden war, auf das es sich vorzubereiten lohnte. Die französische Schriftstellerin Anne Berest erzählte 2018 in einem kurzen Text, wie ihre Eltern sie dazu ermutigt hätten, Deutsch zu lernen, denn dies werde für ein erfolgreiches Leben in Europa künftig noch wichtiger sein als Englisch. Ich wiederum habe Französisch gelernt, weil meine Eltern mir exakt dasselbe erzählt haben: Das sei die Sprache der Diplomatie, unerlässlich für eine Karriere im vereinten Europa. Das europäische Projekt würde eine neue Generation politischen Personals benötigen, es war politisch breit abgestützt, eine Utopie mit Aufstiegschance für die aufstrebende Mittelschicht, eine Expansion ohne Gewalt, ein faszinierendes Neuland, geschaffen aus dem Mehrwert seiner Teile, in das man nicht einmal auszuwandern brauchte, um sein Glück zu finden, weil man bereits da war. Es würde ein Europa sein, in dem man es besser haben könnte, ein Europa der Töchter und Söhne. Berest beschreibt, wie sie nach Deutschland ging und dort feststellte, dass sich ihre Gesprächspartner (lesen ...)
  • Eine eurozentrische Geschichte des Kapitalismus. Gefangen in der Kritik der Kapitalismuskritik

    D ie kaum ein Jahrzehnt zurückliegende Finanzkrise hat das Interesse am Kapitalismus wiederbelebt. Und doch sollte man die Krisenkonjunktur als Ursache eines solchen Interesses nicht überschätzen. Schließlich kommt dem Kapitalismus auch jenseits seiner Krisenhaftigkeit eine zentrale Bedeutung in nahezu allen theoretischen Konzeptionen der modernen Welt und damit im Selbstverständnis westlicher Gesellschaften zu. Max Webers Versuch, den Stellenwert des modernen Kapitalismus für eine spezifisch okzidentale Sonderentwicklung zu bestimmen, ist nur eine besonders bekannte Variante. Noch im 21. Jahrhundert trifft man auf historische Soziologen wie Richard Lachmann, die ihre Werke mit der Feststellung beginnen: »Something happened in Western Europe in the fifteenth through eighteenth centuries. Sociology’s founders believed the task of their discipline was to define that something and to explain why it happened where and when it did.«

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Werner Plumpe meint als Wirtschaftshistoriker in seiner Geschichte des Kapitalismus zwar ohne den Rückgriff auf Lachmann oder dessen vor allem in den USA zahlreiche Kolleginnen und Kollegen wie Julia Adams oder Bruce Carruthers auskommen zu können, teilt aber im Kern deren Vorannahmen über Ort und Zeit des Geschehens.[2. Werner Plumpe, Das kalte Herz. Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution. Berlin: Rowohlt 2019.] Im Zentrum stehen die Niederlande und England, wenngleich für ihn erst (wechselweise) das 17. und das 16. Jahrhundert den Beginn definieren. Methodisch fällt Plumpe damit weit hinter Weber zurück, der meinte, zum Nachweis einer okzidentalen Sonderentwicklung die Wirtschaftsethik der Weltreligionen einer vergleichenden Betrachtung unterziehen zu müssen. Und wie anders als vergleichend sollte man Besonderheit auch nachweisen können. Plumpe insistiert stattdessen auf einem »europäischen Sonderweg, der eben aus sich selbst heraus erklärt werden muss und auch erklärt werden kann«. Überzeugend ist das nicht und schneidet überdies die interessantesten Diskussionen, die während der letzten zwei Jahrzehnte im Zeichen der Globalgeschichte geführt worden sind, von vornherein ab.[3. Vgl. Friedrich Lenger, Die neue Kapitalismusgeschichte. Ein Forschungsbericht als Einleitung. In: Ders., Globalen Kapitalismus denken. Historiographie-, theorie- und wissenschaftsgeschichtliche Studien. Tübingen: Mohr Siebeck 2018.] Kapitalismus ist für Werner Plumpe, der anders als Jürgen Kocka in seiner ungleich schlankeren Geschichte des Kapitalismus von 2013 auf eine Diskussion alternativer Definitionen verzichtet, kapitalintensive Massenproduktion. Man mag sich fragen, ob es da nicht konsequenter gewesen wäre, durchgängig diesen Terminus zu verwenden als den ja durchaus aufgeladenen Kapitalismusbegriff. Aber Plumpes Vorgehensweise hat durchaus ihren eigenen Sinn. Denn über die Massenproduktion wird zum einen auch der Massenkonsum zu seinem Wesensbestandteil, eine Perspektive, die er gegen Ende des Buches zuspitzt: »Der Kapitalismus ist und war von Anfang an stets eine Ökonomie der armen Menschen und für arme Menschen«. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Berührt das eher die normative Seite vom Plumpes Begrifflichkeit, führt die Betonung der – nicht näher spezifizierten – Kapitalintensität zum anderen dazu, dass einmal mehr Kapitalismus, Wirtschaftswachstum und Industrielle Revolution ineinander geschoben und weitgehend gleichgesetzt werden. »Der Kapitalismus«, so hat dagegen der von ihm nicht zitierte R. Bin Wong ebenso knapp wie zutreffend festgehalten, »existierte schon vor der Industrialisierung«.[4. R. Bin Wong, Möglicher Überfluss, beharrliche Armut. Industrialisierung und Welthandel im 19. Jahrhundert. In: Sebastian Conrad/Jürgen Osterhammel (Hrsg.), 1750–1870. Wege zur modernen Welt. München: Beck 2016.] Und man kann hinzufügen: Nachhaltiges Wirtschaftswachstum wie etwa in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts gab es auch ohne Industrialisierung – und Letztere wie im Falle der Sowjetunion auch ohne Kapitalismus. »Was sich in diesem Zeitraum abzeichnete,« so Plumpe für die Zeit von 1500 bis 1820, »entfaltete sich später zu einer dramatischen Schere. Nach 1820 beschleunigte sich das Wachstum in Westeuropa weiter und erreichte nun Ausmaße, die den Begriff ›Industrielle Revolution‹ in der Tat rechtfertigen.« Wenn die europäischen Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts schon in der Frühen Neuzeit angelegt waren, so die Implikation, dann lohnt auch der (lesen ...)
  • Kopernikanische Revolution als Kulturkritik. Hans Blumenbergs frühe Feuilletons

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    Kleine Form

    Hans Blumenberg, den man als Autor großer, vielhundertseitiger philosophiehistorischer Abhandlungen kennt, hat sich in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts auch an einer kleinen Form versucht. Zwischen 1952 und 1955 entstanden zahlreiche Feuilletons, die in unterschiedlichen Zeitungen veröffentlicht wurden und inzwischen in zwei von Alexander Schmitz und Bernd Stiegler herausgegebenen Nachlassbänden – den Schriften zur Technik (2015), den Schriften zur Literatur (2017) – sowie zuletzt ebenfalls von Schmitz und Stiegler in der Neuen Rundschau (2018) dem Publikum zugänglich gemacht wurden.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Bei jemandem wie Blumenberg, der für seine stupende philosophische Gelehrsamkeit und theoretische Durchdringungskraft große Anerkennung erfahren hat, stellt sich die Frage, ob er die kleine, anlassbezogene Form ebenso virtuos beherrscht wie die fußnotenstarke Monografie. Die Arbeit am Feuilleton unterscheidet sich von der Arbeit am Mythos. Alexander Schmitz und Bernd Stiegler loten in ihrer Einleitung zu den in der Neuen Rundschau veröffentlichten frühen Feuilletons die vielschichtigen Hintergründe des Interesses aus, das Blumenberg mit dem Schreiben dieser Texte verband. Zum einen ging es dem bereits habilitierten jungen Gelehrten, dessen Professorenkarriere in den fünfziger Jahren noch bevorstand, durchaus ums Geldverdienen. Dem Redakteur und Freund Alfons Neukirchen, der ihn bewegt, für die Düsseldorfer Nachrichten zu schreiben, ringt er das Zugeständnis ab, seine Glossen mehrfach veröffentlichen zu dürfen; mit Zurückweisungen von Texten, vor allem wenn sie sich stillschweigend vollziehen, kann Blumenberg dagegen überhaupt nicht gut umgehen, weshalb er 1956 in einem Absagebrief an den Freund vom bisher benutzten Du zum Sie wechselt. Blumenberg will sich auf keine weiteren Offerten mehr einlassen. Er verzeiht Neukirchen nicht, dass dieser zwei Manuskripte »sang- und klanglos unter den Tisch« fallen ließ, »ohne daß mir auch nur eine ausgleichende Regelung vorgeschlagen worden wäre«. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Menschlich-allzumenschlich, zweifellos, aber Blumenbergs Weigerung, »auf dem Felde der Publizistik überhaupt weiter zu arbeiten«, mag man rückblickend durchaus bedauern, denn er war keineswegs nur der in seine eigenen Texte verliebte Autor, der nicht über deren Tellerrand hinausschaute, sondern verband mit seiner publizistischen Arbeit die Absicht einer Neuorganisation des Verhältnisses von Leser und Feuilletonartikel: »Meiner Absicht nach kommt es darauf an, intimere Formen des Umgangs mit dem Leser zu entwickeln, als es der ›Artikel‹ ist, ihn direkter anzusprechen.« Blumenberg imaginiert sich das Feuilleton als einen Ort, an dem gesagt werden kann, was in der »redaktionellen Kasuistik« keinen Ort hat: Artikel sollen einem sprachlichen Phänomen, einer symptomatischen technischen Erfindung, einem alltagsbezogenen Rechtsproblem, einer öffentlichen Menschenfigur, einer Rundfunksendung oder einem »überlebenden Buch« (statt immer nur den Neuerscheinungen) gewidmet werden. Gattungstheoretisch stellt er sich vor, das Feuilleton dem Briefwechsel oder dem Tagebuch anzunähern, um so die postulierte Nähe zwischen Autor und Publikum rhetorisch herzustellen. Die Idee einer Intimisierung der Autor-Leser-Relation verbindet Blumenberg mit der Vorstellung eines Leserfeedbacks, das über das Institut des Leserbriefs hinausgehen soll und medientechnisch erst unter den gegenwärtigen Bedingungen digitaler Zweiwegekommunikation eingelöst werden konnte. Blumenbergs Plädoyer für eine »strategische Erweiterung des Zuständigkeitsbereichs des Feuilletons«, das systematisch Alltagsgewohnheiten und alltägliche mediale Praktiken, die nicht buchbasiert sind, berücksichtigt – warum sollte die Kunstausstellung wichtiger sein als das Plakat an der Anschlagsäule, das unseren Geschmackstypus prägt, fragt er Neukirchen in einem Brief –, weist auf das zur gleichen Zeit von Roland Barthes betriebene Unternehmen einer Untersuchung der Mythen des Alltags hin: Die Mythologies erschienen in Buchform zuerst 1957. In der großplakatierten Ankündigung des »kulturkritischen Leitartikels«, »der das Symptomatische aus dem Gesamtbereich der Kultur in einem sehr weiten Sinn bespricht« und »die bis dato herrenlosen Phänomene einfängt«, wird man allerdings auch einen gewissen Provinzialismus erkennen, denn Blumenberg dürfte nicht verborgen geblieben (lesen ...)
  • Weltbürgerlichkeit als repräsentative Kultur? Soziologiekolumne

    D as Ende des Ost-West-Konflikts und der mit ihm verbundenen bipolaren Weltordnungen hat Veränderungen epochalen Charakters angestoßen und wird längerfristig vermutlich auch die Vorstellungen von Gesellschaftskörpern, ihren Ausdehnungen, Grenzen und Binnengliederungen verändern. Der Übergang in ein neues System von Wahrnehmungen und Deutungen der Wirklichkeit dürfte noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Wie die Matrix der politischen und sozialen Ordnungen steckt auch ihr Vokabular im Umbruch.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Zweifellos bildet das seit etwa zweihundert Jahren bestehende Staatensystem bis heute die Grundlage dessen, was wir in der Alltagssprache mehr oder weniger selbstverständlich mit dem Begriff der Gesellschaft verbinden: eine kulturell und politisch-staatlich integrierte und in sich abgeschlossene Einheit, die sich mit zahlreichen anderen Einheiten dieses Typs die Erdoberfläche teilt und die intern primär durch ein Klassen- oder Schichtungssystem gegliedert wird: die deutsche Gesellschaft, die französische Gesellschaft, die amerikanische Gesellschaft, die saudi-arabische Gesellschaft. Gesellschaftstheoretisch innovative Konzepte der Weltgesellschaft (Luhmann, Stichweh), der Weltökonomie (Wallerstein) oder der globalen Ungleichheiten (Weiß) konnten dem beharrlichen methodologischen Nationalismus im Denken wie auch in der wissenschaftlichen Forschung über Gesellschaften bislang wenig anhaben. Doch findet sich der Blick auf Gesellschaften gegenwärtig immer stärker durch ein komplexeres Bild transnational sich überlappender und sich verdichtender Räume überlagert, in dem die Nationalstaaten nicht mehr als fraglose Behälter selbstgenügsamer Gesellschaften fungieren. Vielmehr werden sie selbst zu einer unter vielen Figuren auf dem Schachbrett globaler Souveränitätskämpfe, in der globale Unternehmen, supernationale Verbände, NGOs und transnationale Akteure um Einfluss ringen. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Transnationale Bewegungen – wie etwa die Finanzmärkte oder die Migrationsströme – können nicht mehr im Rahmen von (einzelnen) Nationalstaaten kontrolliert werden. Interessanterweise sind es also nicht in erster Linie andere souveräne Staaten, sondern nichtstaatliche transnationale Akteure, Gruppen und Organisationen, die die Souveränität von Staaten im 21. Jahrhundert unterminieren und spezifische politische Abwehrkräfte mobilisieren. Viele Staaten legen als Reaktion auf informelle und untergründig wirkende Mächte, die in Verbindung mit Migration, Drogenschmuggel, Kriminalität oder Terrorismus gebracht werden, sogar eine neue Leidenschaft fürs Mauerbauen an den Tag, während in denselben Staaten unterschiedliche Akteure quer über das politische Spektrum hinweg – von Wirtschaftsliberalen, Kosmopoliten und Humanisten bis hin zu linken Aktivisten – die Fantasie einer Welt ohne Grenzen hegen und von globalen Märkten schwärmen oder von einer Weltregierung oder Weltbürgerschaft träumen. In einer solchen Welt hat auch der Begriff von Gesellschaft seine Eindeutigkeit eingebüßt. Zugehörigkeiten, Erwerbschancen, soziale Netzwerke und kulturelle Identitäten sind nicht mehr automatisch mit den Flächenausdehnungen des staatlichen Territoriums identisch, sie nehmen oftmals hybride Gestalt an. Gleichzeitig und spiegelbildlich dazu formieren sich unterhalb der Ebene nationalstaatlicher Gemeinschaften neue religiöse, politische oder ethnische Gemeinschaften mit eigenen Traditionen und Gründungsmythen und scharf nach außen konturierten Grenzen, die sich oftmals gleichermaßen transnational wie »subkulturell«, jedenfalls außerhalb der Mainstreamkultur positionieren. In der heutigen Welt variieren die Grenzen von Gesellschaften mit den mentalen Vorstellungen kollektiver Zugehörigkeit, das heißt mit den Projektionen »imaginärer Gemeinschaften« (Benedict Anderson). Diese wiederum werden durch die transnationalen, lokalen oder nationalen Kontexte geprägt, in denen Subjekte ihre Ressourcen zum Einsatz bringen. Viele Menschen leben nicht allein in ihrem Staat wie in einer geschlossenen Welt, sondern in vielen und zwischen den Welten. Das gilt für professionelle Eliten, die in internationalen oder transnationalen Organisationen arbeiten, ebenso wie für Migranten, die zwischen Herkunfts- und Ankunftsland pendeln, zwei Staatsbürgerschaften haben oder in Diasporagemeinschaften leben. Zudem strukturieren globale Wissensökonomien, globale Produktionsketten und Finanzmärkte die Erwerbschancen auch von solchen Menschen, die sich selbst als sesshaft verstehen und in ihrem (lesen ...)
  • Nutzen und Nutzlosigkeit der Agrarrevolution. Über moderne Legendenbildung

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    Die jüngsten Untersuchungen zur Frühgeschichte der menschlichen Rasse sprechen allesamt dafür, dass die Menschheit ihren Weg am unteren Ende der Leiter begonnen und sich durch die langsame Anhäufung von Erfahrungswissen aus einem wilden Urzustand zur Zivilisation hochgearbeitet hat.

    Lewis Henry Morgan (1877)

    Vor rund zehntausend Jahren begannen die Menschen, Ackerbau zu betreiben. In der Geschichte des Planeten Erde wie auch der Gattung Mensch handelte es sich dabei um ein ausgesprochen spätes Ereignis: Etwa 95 bis 99 Prozent der Existenz der Menschheit fallen in die Zeitspanne vor der Erfindung des Ackerbaus. Mit dem Moment nach den 99 Prozent, also dem Übergang von der Existenzweise als Jäger und Sammler zum Leben in den frühen agrarischen Gesellschaften, haben sich jüngst sowohl James C. Scott als auch David Graeber und David Wengrow ausführlich beschäftigt.[2. James C. Scott, Against the Grain. A Deep History of the Earliest States. New Haven: Yale University Press 2017. Die deutsche Übersetzung Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten erscheint im Mai 2019 bei Suhrkamp. Der Essay How to change the course of human history (at least, the part that’s already happened) von David Graeber und David Wengrow erschien im März 2018 bei Eurozine (www.eurozine.com/change-course-human-history).]

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Ihre Rückschau auf die Anfänge der Bildung erster Stadtstaaten nehmen Scott, Graeber und Wengrow gleichermaßen zum Anlass, Zweifel an drei grundlegenden kulturanthropologischen Annahmen zu formulieren: zunächst einmal an der These, dass mit der Landwirtschaft zwangsläufig die Entwicklung von Stadtstaaten und ihrem Verwaltungsapparat einhergeht; zweitens an der Auffassung, dass das Leben in solchen Staaten stets eine Verbesserung gegenüber anderen Lebensformen darstellt; und schließlich an der Vorstellung, dass gesellschaftliche Ungleichheit ein unvermeidbares Nebenprodukt der Lebensweise ist, die das Jäger-und-Sammler-Dasein abgelöst hat. Scott richtet sein Augenmerk in erster Linie auf die Frage, weshalb wir uns nicht von der Vorstellung lösen können, Staatenbildung sei per se erstrebenswert, wo doch die Fakten schon lange dagegen zu sprechen scheinen. Graeber und Wengrow hingegen interessiert vor allem, wie es überhaupt je dazu kommen konnte, dass Menschen sich auf ein Leben in hierarchisch organisierten Staaten einließen, wo doch die frühen Agrargesellschaften mit vielen Formen politischer und sozialer Organisation experimentiert hatten, darunter auch solchen, die auf Gleichheit statt auf Ungleichheit basierten. Woher aber stammen die verqueren Grundannahmen eigentlich, denen alle drei Autoren entgegentreten? Vertrackterweise ist schon das eine komplizierte und uneindeutige Geschichte. Um die Begriffe »Ackerbau« und »Zivilisation« haben sich seit dem 18. Jahrhundert zahlreiche Bedeutungsschichten angelagert. Die meisten sind eng mit einem großen historischen Projekt verbunden, das weder in Against the grain noch in How to change the course of human history direkt thematisiert wird: dem Imperialismus und Siedlungskolonialismus. Da Scott, Graeber und Wengrow ihre Thesen dezidiert als Antwort auf die »konventionelle Geschichtsschreibung« mit ihren imperialistischen Wurzeln formulieren, replizieren sie letztlich deren Wissensstand, deren Erkenntnisinteressen und blinde Flecken. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Je nachdem, wie man zum langfristigen Überleben der Gattung Mensch steht, mag es entweder tröstlich oder aber deprimierend sein, festzustellen, dass die letzten zehntausend Jahre Menschheitsgeschichte in geologischen Zeitkategorien gerechnet eine verschwindend kleine Spanne ausmachen. »Stratigrafisch gesehen fallen der Ursprung des Ackerbaus und die Atombombe mehr oder weniger zusammen«, schrieben die Anthropologen Richard Lee und Irven DeVore schon 1965. In Against the Grain bezeichnet Scott Ackerbau und Atombombe als Alpha und Omega des Zeitraums, den er »das schmale Anthropozän« nennt. Sie markieren für ihn Anfangs- und Endpunkt einer sich allmählich steigernden menschlichen Einflussnahme auf das Antlitz unseres Planeten, beginnend mit den frühesten Bemühungen unserer Spezies, ihre Umwelt durch Viehzucht, Getreideanbau und die Nutzung (lesen ...)
  • Die Zukunft der Klimapolitik. Ein ethnologischer Bericht von der norddeutschen Küste

    V on der Französischen Revolution ging an alle Gemeinden, Dörfer und Städte in Frankreich ein Fragebogen, in den sie eintragen konnten, unter welchen Bedingungen sie lebten, welche Steuern sie zu zahlen hatten und was sie dringend brauchten. Die Liste der Beschwerden war lang und eindrücklich, schließlich litt man unter der Willkür des Adels, es gab Hunger, und die Infrastrukturen ließen zu wünschen übrig. Aus diesen Beschwerdeheften entstand eine vollständige und buchstäblich zu verstehende Geo-Grafie des Landes. Daran erinnert Bruno Latour in seinem Buch Das terrestrische Manifest aus aktuellem Anlass.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Was würde heute in einem solchen Beschwerdeheft stehen, wenn danach gefragt würde, was es braucht, um ein gutes Leben zu führen? Ein gutes Leben im Sinne von klimafreundlich, erdverbunden und dennoch weltoffen? Gerade vor dem Hintergrund des Aufstiegs von Populismus und Trumps Ausstieg aus dem Klimavertrag von Paris gewinnt diese Frage an Relevanz. Weder Brexit, America First noch Heimattümelei sind eine gesunde Reaktion auf den Stress, den die globalen Probleme soziale Ungleichheit, Migration und Klimawandel verursachen. Auch die Europäische Union sorgt sich um die Folgen des Klimawandels und finanziert Projekte, um die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu verbessern. Als Ethnologe bin ich in ihrem Auftrag in Norddeutschland unterwegs, um ein Anforderungsprofil für einen Klimaservice zu erstellen, der ortsbezogen Klimapolitik ermöglichen und unterstützen soll. Der Begriff »Klimaservice« klingt allerdings wie einem Textbuch für neoliberale Ökonomie entlehnt, wo »Dienstleistungen ausgelagert«, »Informationen transferiert«, »Entwicklungen ermöglicht« und »Win-win Situationen« für »Stakeholder« und »Entscheidungsträger geschaffen« werden – alles Begriffe, die auch im Weltklimabericht IPCC verwendet werden, wie man in Die große Verblendung, dem Buch des indischen Schriftstellers Amitav Gosh zum Klimawandel, nachlesen kann.[2. Amitav Gosh, Die große Verblendung. Der Klimawandel und das Undenkbare. München: Blessing 2017.] Doch andererseits schreibt die EU nicht vor, mit welchen Inhalten dieses Konzept gefüllt und wie es in die Praxis umgesetzt werden soll. Für mich geht es zuallererst einmal darum, einen Lagebericht zu erstellen: Wie sieht Klimapolitik, die immer global verhandelt wird, vor Ort aus? Wie wird der Klimawandel wahrgenommen, und wie verändert er das Leben an der Küste? Was bedeutet es, ein Mensch zu sein, wenn wir das Leben und unsere Umwelt nicht mehr nach den Maßstäben des Kohle- und Ölzeitalters gestalten? icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Mit gebührend Forschungsmitteln ausgestattet, machte ich mich Anfang 2018 auf ins platte Land, um dort meine Erhebung zu beginnen. Die omnipräsenten Windparks lassen keinen Zweifel daran, dass in diesem Teil der Welt Klimapolitik und Energiewende längst in Gang gesetzt sind. Das Wetter meinte es gut mit mir, auch wenn das zynisch klingen mag. Der Winter war lang, nass und ewig dunkel. Die Felder und Äcker standen unter Wasser, die Bauern konnten den Dünger nicht ausbringen, weil sie mit ihren Traktoren im Matsch steckenblieben. Die winterlichen Sturmfluten kosteten gar das Leben eines Menschen, der jenseits des Deichs in seinem Auto eingeschlafen war. Weil es so warm war, klarte der Himmel wochenlang nicht auf. Das ist der Klimawandel, so die einhellige Meinung. Gefolgt wurde dieser Winter von einem scheinbar endlosen Sommer mit extremer Dürre, der von Mai bis weit in den Oktober dauerte. Die Felder und Weiden färbten sich braun, das Viehfutter wurde knapp, die Bauern mussten zukaufen oder gar Vieh vorzeitig zum Schlachthof bringen. Auch hier die einhellige Meinung: So sieht der Klimawandel aus. Doch das ist nur die eine Seite der Debatte über diese extremen Wetterereignisse, wie es im Klimadiskurs heißt. Die andere handelt von der europäischen Agrar- und Umweltpolitik, von Düngeverordnungen, von der Förderung industrieller Landwirtschaft, die mit ihren Monokulturen wetteranfälliger ist als die konventionelle oder organische Landwirtschaft. In der EU wird nach wie vor und trotz besseren Wissens die Fläche und weniger die Qualität gefördert. Allerdings wurden die routinemäßig von der Bauernlobby eingeforderten Kompensationen für Dürreausfälle in Berlin länger als sonst diskutiert. Die Stimmen mehren sich, den Klimawandel als Berufsrisiko einzustufen. Meine ethnologische Erhebung fing, wie so oft, mit einem Kulturschock an. Ich (lesen ...)