• Über das Sommerloch und andere unsichere Räume

    Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

    Die Tür fällt ins Schloss. Zurück bleibe ich, allein, einen letzten, erschöpften Kampf mit dem Archiv ausfechtend. Die anderen sind gegangen und schon wird mir unwohl in dieser Wohnung, die mir nicht gehört, genauso wenig wie der Stalker zu mir gehört, von dem eine der anderen belagert wird, dessen potentielle Gegenwart eisig durch die Zimmer weht. Auch zu ihr gehört er nicht, er gehört zum Niederträchtigen und zum Erbärmlichen, er gehört zu jenen, die das Ende ihres goldenen Zeitalters fürchten. Auch der Belagerten – Kampfsportlerin, bewaffnet – ist selbstverständlich unwohl. Sie wird belästigt, ein viel zu schwaches Wort für das, was geschieht. Ich beschließe, nicht lächerlicher zu sein als unbedingt nötig und verlagere meinen Arbeitsplatz auf die Terrasse, unter den wachsamen Augen der Nachbarskatze, die gemeinsam mit mir die Unterlagen studiert.

    Das Archiv hielt mich über Monate in seinem festen Griff. Ich reagierte, indem ich in dunkle Gegenden abdriftete. Es gab wieder Streit im Internet. Der Tatort: eine Facebook-Gruppe mit 20 000 Mitgliedern. Die Protagonisten: Repräsentanten aller möglichen politischen Standpunkte und Fachrichtungen, deren Studium durch staatliche Stellen finanziert wird.

    Einer, Wirtschaftsstudent, nahm den Advocatus-Diaboli-Modus ein, nannte jemanden »Ziegenficker«. Nicht sein erster Ausfall, ein Blick in die Chronik dieser Gruppe verrät, dass er sich schon vor Jahren über schwarze Männer und deren Körper ausließ. Ein anderer, selbst ganz des Teufels Anwalt, droht mit der Dokumentation der Debatte, was wohl sein Arbeitgeber davon hielte? Aufruhr. Zensur! tönt es, Totalitarismus! Anzeige! Der Bedrohte macht sein Recht am eigenen Wort geltend, das in einem privaten, geschützten Rahmen geäußert worden sei. Und da beginnt diese zugegebenermaßen extrem irrelevante Chose auf einmal doch vage interessant zu werden: 20 000 Menschen lesen hier nämlich mit. Das entspricht der Einwohnerzahl von Torgau, oder Annaberg-Buchholz, oder Haßloch, jener deutschen Durchschnittsstadt, in deren Supermärkten neue Produkte ausgiebig getestet werden, bevor sie in den regulären Verkauf gehen.

    Es zeugt doch von einer gewissen Ironie, dass hier ein junger Rechter nach einem geschützten, privaten Raum von der Größe einer deutschen Mittelstadt verlangt, nach einem Raum also, der mit dem vielgeschmähten, von einigen Linken geträumten Traum vom Safe Space oder Safer Space verwandt ist, vom diskriminierungsfreien oder wenigstens -armen Raum also, in dem so etwas wie verhältnismäßige Sicherheit herrscht, beispielsweise für Frauen, Nicht-Weiße oder Queers. Diesem Konzept kann man mit guten Argumenten mehr oder weniger abgewinnen, ich finde, es hat seine Lücken, ganz pragmatisch angefangen bei der Umsetzbarkeit, und die jungen Männer, deren wütende Diskussionen ich seit Jahren in dieser Facebook-Gruppe verfolge, die sind auch keine Fans, so viel habe ich verstanden, zumindest solange nicht, wie es nicht um sie geht.

    Der Safe Space, den dieser junge Mann imaginiert, ist ein Ort, an dem Rassismus gehört und geduldet wird, ansonsten aber ohne Konsequenzen verpufft. Er ist das Versprechen einer untergehenden Ära, ein nostalgisches Relikt, die Fantasie eines room of one’s own , der eigentlich eine world ist.

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  • 29. September

    Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

    Auf dem Friedhof riecht es nach Buchsbaum. Das muss so sein, scheint mir, ohne dass ich dieses Empfinden begründen könnte. Das Rascheln der Trauerweiden im Wind: pathetisch, aber wahr. Früher glaubten einige, Weiden seien in der Lage, denjenigen, die sich an sie lehnten, Krankheiten und Kummer abzunehmen. Dafür scheinen sie mir viel zu viel Leichtigkeit auszustrahlen. Aber Eindruck ist nie Wahrheit, und auf meine Nachfragen schweigen sie still. Einige Blätter schweben zu Boden. Eine Katze schleicht vorbei. Ich war schon lange nicht mehr hier, Jahre. Zehn vielleicht. Den Weg weiß ich intuitiv.

    Auf den Gräbern um das Grab meines Bruders herum überall bunte Dekorationen. Miniaturwindräder, kleine Figuren, Kuscheltiere. Auch das Grab meines Bruders ist dekoriert. Ein Herz aus Stein, eine Engelsfigur, ein frisches, winterliches Gesteck. Der Grabstein ist klein und unprätentiös. Links und rechts davon stehen Buchsbäumchen, so geschnitten, dass man ihn gerade noch sieht. In der linken oberen Ecke eine Sonne in wenigen Strichen in den Stein gehauen. In der Mitte sein Name Tim Robin und darunter die Daten seines kurzen Lebens: 24. August 1989 bis 29. September 1989. Die Gräber in dieser Ecke des Friedhofs sind alle sehr klein. Mein Bruder liegt in der Gesellschaft anderer Kinder.

    Nichts im letzten Satz trifft wirklich zu. Unsere Sprache wird hier unpräzise. Sie ist eher für das Leben als für den Tod. Zum Beispiel: Wie soll ich ihn nennen? Bruder beschreibt zwar das Verwandtschaftsverhältnis korrekt. Aber es trifft nicht die gefühlte Realität. Ist er mein Bruder, wenn ich ihn nicht gekannt, wenn wir uns keine Sekunde gemeinsam auf diesem Planeten aufgehalten haben? Ist er mein Bruder, wenn sein Tod mein Leben erst ermöglicht hat? Und unsere Eltern? Für sie gibt es keine Bezeichnung. Sie sind weder Verwitwete noch Waisen. Es gibt kein Wort für Eltern, die ihr Kind verloren haben.

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  • Überdenken wir die Landwirtschaft!

    Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

    Ginge es nach thematischer Fülle und persönlichem Einsatz, müsste man den aktuellen deutschen Diskurs über die Landwirtschaft als besonders engagierte gesellschaftliche Auseinandersetzung loben. Sie reicht von der Suche nach gesunden Nahrungsmitteln über die Agrobiodiversität bis zum Tierwohl. Die Zeitungen berichten über die Agrarlobby und das Glyphosat-Verbot, in den Städten achten immer mehr Konsumenten darauf, was sie einkaufen, und selbst das Bundesumweltministerium trat 2017 mit einer Bauernregel-Kampagne in Erscheinung, in der das neue gesellschaftliche Bewusstsein irgendwie pfiffig auf den Punkt gebracht werden sollte: »Zu viel Dünger, das ist Fakt, ist fürs Grundwasser beknackt.« Der unbeholfene Reim (die anderen zehn sind nicht besser) steht nun aber exemplarisch für die intellektuelle Anspruchslosigkeit des Diskurses. Er stellt ein einmütiges gesellschaftliches Urteil vor, wo es tatsächlich um sehr unterschiedliche Fragen geht. Die Kritik der Landwirtschaft ist zum Distinktionsmerkmal geworden.

    Seit sich Menschen arbeitsteilig von der Sorge um das Essen befreit haben, haben Landwirte eine liebe Not, ihre Perspektiven in der Gesellschaft geltend zu machen. Die Landwirtschaft ist nicht nur Drecksarbeit im Sinne der schmutzigen Hände und Stiefel, an ihr bleibt auch die heterotrophe Befleckung des Menschen haften, also der bedauerliche Umstand, dass wir nur durch die Aneignung, Manipulation und Zerstörung anderen Lebens selbst überleben können.

    Widersprüche

    Das heutige Reden über die Landwirtschaft hat sich, ausgehend von dieser Fremdheit, über einen langen Zeitraum geformt. Bereits die Landschaftsmalerei und die Reiselust des 19. Jahrhunderts blendeten die Arbeit als prägende menschliche Aneignungsbeziehung weitgehend aus – das Erhabene finden wir eher in der Anschauung unberührter Natur als auf dem Misthaufen. Die Ökologiebewegung mit ihrer Sehnsucht nach neuen Wildnissen nahm dieses Muster auf. Und schließlich stellt der gegenwärtige Demografiediskurs das Landleben schlechthin als öde und verloren da, so dass es sich nur noch rechtfertigen kann, indem es zumindest hübsch aussieht.

    Damit kann das Land nicht mehr in jedem Falle dienen. Die alten Bauernhöfe sind Relikte vergangener Produktionsformen, die später noch einmal mit architektonischem Ehrgeiz entwickelten Stadtgüter am Rand der Ballungsräume haben sich aufgelöst. Wer für den globalen Nahrungsmittelmarkt arbeitet, wird seinen Betrieb kostengünstig und funktional, aber ohne repräsentative Aussage an die Konsumenten einrichten. Das Bemühen um die ästhetische Qualität der landwirtschaftlichen Anlagen ist jedenfalls nachlassend. Hinzu kommt die Homogenisierung der Flächennutzung, die zu einem Verlust an Vielfalt führt. Die Autopoiesis der Landschaft ist durch die Ästhetik des Produkts im Supermarkt ersetzt worden. Das hat auch Auswirkungen auf die Verständlichkeit und Lesbarkeit der landwirtschaftlichen Praxis.

    Damit geht auch die Entwertung des Essens einher. Man schaut heute auf den Nahrungsmittelüberfluss mit einem ähnlichen Befremden wie auf Plastikspielzeug aus Asien, die Dokumentation Taste The Waste von Valentin Thurn führte es 2011 deutlich vor Augen. Was im Einkaufskorb landet, transportiert weder die Individualität der landwirtschaftlichen Produktion noch die Mühe und Sorge des Landwirts, im Gegenteil: Alles, was sich verkaufen soll, macht zuvor eine warenästhetische Sterilisierung durch. Das gilt natürlich ebenso für die Imagekampagnen, die die Landwirtschaftsverbände selbst anstrengen und nicht zuletzt für die angeblich korrekten, »ethisch unbedenklichen« Produkte. Die Vorstellung, man könne sich durch ihren Kauf von der Komplexität unseres Ernährungssystems losmachen, ist ein besonders lähmendes Motiv im aktuellen Agrardiskurs.

    Bei dem häufig geäußerten Erfahrungsverlust gegenüber der praktizierten Landwirtschaft geht es nicht darum, mal eine echte, nicht lilafarbene Kuh gesehen zu haben. Entscheidend sind die Widersprüche des agrarischen Tuns, die damit verbundenen ständigen Abwägungen zwischen zu viel und zu wenig, zwischen zu früh und zu spät, zwischen Gelingen und Misslingen. Landwirt sein heißt: Leben stiften und Leben nehmen und in diesem Spannungsfeld Entscheidungen treffen. Aus der Position des Verbrauchs lässt sich das nicht erfahren.

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  • Everybody’s Darling – Warum die Blockchain das Establishment und seine Gegner begeistert

    Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

    Noch hat fast jedes breiter angelegte Thema der Informationstechnologie mit seiner Bugwelle utopische und dystopische Narrative aufgewühlt. Nimmt man die Diskussionsdichte und Überschwänglichkeit in einschlägigen Internet-Foren zum Maßstab, ist die Blockchain das nächste große Ding.

    Die grundstürzende – im Jargon gesprochen: disruptive  – Technologie ist die Grundlage der ersten funktionierenden und nach wie vor auch wichtigsten Kryptowährung Bitcoin, und auch die meisten anderen Kryptowährungen beruhen auf ihr. Die Blockchain ist ein verteiltes sowie gegenwärtig nahezu fälschungssicheres Verfahren der Datenspeicherung, das auf soziale Strukturen und Verschlüsselungstechnologien setzt. Im Fall von Bitcoin darf man sich unter sozialen Strukturen ein Netzwerk von Personen vorstellen, die sich per Computer digitales Geld überweisen. Archivierung sowie Betrugsvermeidungskontrolle erfolgt verteilt, das heißt auf den Rechnern eben dieses Netzwerks und damit unter Umgehung von traditionellen Institutionen der Finanzwirtschaft.

    Die Blockchain wie auch ihre historisch erste Anwendung Bitcoin sind im festen Fundament avancierter Informationstechnologien verankert und zugleich im luftigen Reich der Imaginationen zu Hause. Der trotz des Einbruchs im Januar 2018 gegenwärtig immer noch spektakulär hohe Bitcoinkurs dürfte wie kaum eine andere Maßzahl der Weltwirtschaft die Gier von Kriminellen, politischen Radikalen, Terroristen und waghalsigen Investoren abbilden – die hoffen, sich durch Bitcoin-Transaktionen der Beobachtung entziehen zu können. Was hier die Fantasien beflügelt, ist das Potential der Technologie, dezentrale Alternativen zu hierarchischen Strukturen in Wirtschaft, Gesellschaft, Technik und Staat zu entwerfen und auch umzusetzen.

    Bemerkenswert an den Debatten, die sich daran knüpfen, ist, dass die üblichen technikkritischen Muster, die bei der öffentlichen Verständigung über andere Informationstechnologien routiniert eingespielt sind, etwa die Rede von Chancen und Risiken oder Tätern und Opfern, hier so gut wie nicht aktiviert werden. Die Blockchain-Technologie wird nicht nur von der Wirtschaftspresse, sondern auch von Teilen des links-libertären Spektrums enthusiastisch begrüßt. Sie wird dabei als Brücke in eine Welt ohne herkömmliche Staaten verstanden, die unter dem Begriff "decentralized autonomous society" für Diskussionen sorgt und sich in Projektinitiativen wie Decenturion und Bitnation manifestiert. [2. Marcella Atzori, Blockchain Technology and Decentralized Governance: Is the State Still Necessary? vom 1. Dezember 2015] Die wenigen kritischen Statements, auf die man trifft, stammen nicht etwa von Medientheoretikern oder Soziologen, sondern überwiegend von technischen Sicherheitsexperten. [3. Ein erstes Symposium zu möglichen philosophischen Zugängen zur Blockchain erwähnt critcal blockchain studies weniger als Desiderat denn als weiteres denkbares Studienfeld. Vgl. Melanie Swan /Primavera de Filippi, Toward a Philosophy of Blockchain: A Symposium: Introduction. In: Metaphilosophy, Nr. 48 /5, Oktober 2017.]

    Geheimnisumwitterte Gründungsfigur

    Rückblende: Annähernd zehn Jahre sind vergangen, seit der (oder die?) mysteriöse Satoshi Nakamoto am 31. Oktober 2008 das mittlerweile legendäre White Paper mit den konzeptuellen Grundlagen von Bitcoin und Blockchain vorstellte. Auch wenn die persönliche Identität von Nakamoto nach wie vor ungeklärt ist, so ist doch offensichtlich, dass die Gründungsfigur der Blockchain-Technologie zur Cypherpunk-Bewegung zu zählen ist. [4. Natürlich baut Nakamoto auf Arbeiten anderer auf. Ein offensichtliches Beispiel ist das weit (allerdings nicht von Nakamoto) zitierte Buch über Kryptografie von Bruce Schneier, Applied Cryptography. Protocols, Algorithms, and Source Code in C. New York: Wiley 1995.] Als solche werden politisch ambitionierte Computerspezialisten, ja Nerds bezeichnet, die seit den 1990er Jahren Ideen gegen eine Kontrolle durch den Staat oder durch Firmen und für einen gesellschaftlichen und politischen Wandel mithilfe von Verschlüsselungstechniken entwickelten und sich darüber mittels Mailinglisten austauschen. (Ein prominenter Vertreter dieser Gruppe ist der amerikanische (lesen ...)

  • Ich koche, also bin ich. Die Geburt der Haute Cuisine aus dem Geist des Rationalismus

    Ein farcierter Truthahn mit Himbeeren, ein Kapaun mit Austern oder ein Hühnerragout, das in der Flasche gegart wurde, deren Boden anschließend mit einem Diamanten aufgeritzt wird – da wundert sich der Fachmann, es staunt der Laie und hält dergleichen vielleicht für typischen Sterne-Irrsinn. Ganz falsch läge er damit nicht. Denn ausgedacht hat sich diese kulinarischen Aberwitzigkeiten ein Ahnherr der heutigen Sterneköche: François-Pierre de La Varenne. (mehr …)

  • Zwei israelische Biografien. David Ben-Gurion und Benjamin Netanjahu

    Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

    Im Andenken an Kurt Scheel

    Der Gründer des Staates Israel und dessen gegenwärtiger Regierungschef sind nicht nur als Politiker bekannt geworden, sondern auch als Ehemänner. Ben-Gurion war über fünfzig Jahre mit einer Frau namens Paula verheiratet, von 1917 bis zu ihrem Tod im Januar 1968. In Israels kollektivem Gedächtnis bilden sie ein unzertrennliches Paar, doch der Historiker Tom Segev zeigt in seiner Biografie, dass es nicht so war. Ben-Gurion kannte nur seine politischen Ziele und nahm keine Rücksichten: Paula behandelte er zuweilen derart rücksichtslos, dass er sie an den Rand des Selbstmords trieb.

    Als Benjamin Netanjahu 1996 erstmals an die Macht kam, war er schon mit seiner Frau Sara, einer Kinderpsychologin, verheiratet. Im Zeitalter der medialen Sichtbarkeit scheinen auch sie ein unzertrennliches Paar zu sein. Oft treten sie gemeinsam auf, hinter der Pose ihrer Verbundenheit aber bleibt manches verborgen. Netanjahu ist zum dritten Mal verheiratet; aus einer früheren Ehe hat er eine erwachsene Tochter; die darf er jedoch kaum sehen, weil Sara es ihm verbietet.

    Jeder Mensch hat seine Geheimnisse, und sie gehen uns erst dort etwas an, wo ihr Licht – oder besser: ihr Schatten – in einen öffentlichen Raum jenseits der Privatsphäre fällt. Das ist bei Ben-Gurion und Netanjahu der Fall. Ihre Biografen zeichnen Verhaltensmuster nach, in denen sich nicht nur das Leben der Protagonisten, sondern auch ihre historische Epoche abbildet.

    Politik im Zwiespalt

    Er war zwanzig Jahre alt, als er 1906 nach Palästina einwanderte. Aufgewachsen in einer polnischen Kleinstadt, sagten ihm die Traditionen des Judentums nichts mehr. Die von Theodor Herzl um die Jahrhundertwende gegründete Nationalbewegung wurde ihm zum neuen Glauben, und seine Einwanderung empfand er als zweite Geburt: David Grün gehörte zu einer Generation, die dem drohenden Untergang des Ostjudentums entkommen wollte, und niemand hat die Mythen ihrer Selbstbefreiung derart in Taten umgesetzt wie dieser junge Mann, der sich bald darauf Ben-Gurion nannte.

    Nicht nur sich selbst erfand er neu, sondern auch die Welt, in der er lebte. Erez Israel, wie die Juden Palästina nennen, wurde ihm zur Ideologie, die alle Zeichen einer Religion trug: Das Land war ihr Dogma, die Einwanderung war ihr Gebot, das nationale Aufbauwerk waren Schritte auf dem Weg der Erlösung, die sie ihren Anhängern verhieß. Die Ähnlichkeit mit der Jahrtausende alten Glaubensordnung der Juden ist umso erstaunlicher, als Ben-Gurion ein erklärter Atheist war. Mit der überkommenen Religion hatte er gebrochen.

    Der Zionismus versprach ein Ende des Exils, und das – nach den alten Regeln – durfte nur der von Gott gesandte Messias bringen. In der Geschichte des jüdischen Volkes aber wollte Ben-Gurion keinen Gott erkennen. Auch 1948, auf dem Höhepunkt seines Lebenswerks, hat er darauf bestanden. Der Unabhängigkeitserklärung des soeben von ihm gegründeten Staates wollte man das Wort »Gott« einfügen, doch er gestattete nur die Formel »Zur Israel«, der »Felsen Israels«. Für die Religiösen war dies einer der biblischen Gottesnamen, für Ben-Gurion aber war es die »Substanz« der Nation, die jeder nach seiner Fasson auslegen mochte.

    So berichtet es Tom Segev in seiner eindrucksvollen Biografie. Er ist weniger an den zahllosen Details dieses vielfach recherchierten Lebens interessiert als an den tiefen Konflikten, die hier aufbrechen mussten. Entscheidend ist schon die Tatsache, dass sowohl Ben-Gurion als vor ihm auch Theodor Herzl der jüdischen Religion zwar fernstanden, auf das biblische Narrativ aber nicht verzichten konnten, wenn ihr »Zionismus« ein konkretes Ziel erhalten sollte.

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  • Zum digitalen Wandel im Bildungssystem. Ein Gespräch

    Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

    Roland Reichenbach: In Ihrem Buch Stumme Medien , das die Reaktion der Bildungspolitik auf die digitale Revolution untersucht, kritisieren Sie, dass die digitale Bildungsrevolution (»ed-tech revolution«) nicht bildungstheoretisch, sondern wirtschaftsbezogen konzipiert sei und ihr Ziel nicht in der geistigen, sittlichen und politischen Bildung des Menschen liege, sondern in der Herstellung von arbeitsmarktgerecht Ausgebildeten. Im Grunde argumentieren Sie, dass das eine gewollte Abkehr von einer kritischen Haltung zur Welt sei, wie sie das klassisch-humanistische Bildungskonzept mittels Distanznahme und Reflexion über die Welt und die eigene Rolle darin zu erzeugen suchte – wenigstens dem Anspruch nach.

    Roberto Simanowski: Ja. Wenn Schule nicht die sozialen Implikationen von Algorithmen reflektiert, sondern nur lehrt, wie man diese programmiert und effektiv einsetzt, konditioniert sie den Menschen auf sein Dasein als Objekt algorithmischer Kontrolle. Eine digitale Bildungsrevolution, deren blinder Fleck die digitalen Medien selbst sind, legt den Grundstein für eine auf Selbstkontrolle und Selbstoptimierung orientierte kybernetische Gesellschaft, wie sie in China bereits mit der Einführung des Social-Score-Systems aufscheint. Eine Bildungs-App wie ClassDojo , mit der Lehrer in Echtzeit das Verhalten der Schüler bewerten und die Bewertung den Eltern mitteilen sowie unter den Schülern als Wettbewerbsmotivation einsetzen können, bereitet ähnlichen Entwicklungen den Weg. Statt die Implikationen des Vermessungsparadigmas, das Digitalisierung und Datafizierung der Gesellschaft mit sich bringen, zum Gesprächsthema der Erziehungssituation zu machen, wird diese kurzerhand selbst diesem Paradigma unterstellt.

    Das mag verschwörungstheoretisch klingen, aber wann immer ich die Losung »Bildung und Forschung sind Quelle künftigen Wohlstands« höre, vermisse ich ein Wort auch zu Bildung als Erziehung zur Mündigkeit, wie Adornos berühmter Essay aus dem Jahr 1969 hieß. Eine solche Erziehung wäre auch eine »Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand«.

    RR : ClassDojo ist ja eigentlich keine »Bildungs-App«, vielmehr eine »Erziehungs-App«, mit der das Verhalten der Schüler /innen über eine Punktevergabe bewertet und gesteuert wird. Aus der Perspektive einer kritischen Erziehungs- oder Bildungstheorie ist eine algorithmisierte »pädagogische« Sozialtechnik wie ClassDojo natürlich von vornherein als anonymisiertes, objektiviertes und gewissermaßen entpersönlichtes Instrument zur Verhaltensmodifikation in Richtung erwünschtem Sozial- und Lernverhalten abzulehnen. Das scheint mir ein Reflex, der der antibehavioristischen Haltung einer »Erziehung zur Mündigkeit« geschuldet ist und ihrem Kampf gegen die Heteronomie. Wenn Immanuel Kant in seiner Pädagogik die Frage diskutiert, wie denn die »Freiheit bei dem Zwange zu kultivieren« sei, meint er aber gerade nicht, dass es eine Pädagogik ohne Zwang und Kontrolle geben könne.

    Die ethisch relevante Frage ist nicht, wie pädagogisch auf Macht, Zwang und Kontrolle verzichtet werden kann – das ist vielmehr weitverbreitete pädagogische Romantik –, sondern welche Macht-, Zwangs- und Kontrollpraktiken in welchen Situationen legitim sind und welche nicht. Alle Bildungsinstitutionen sind von Macht- und Kontrollpraktiken geprägt, aber erstens nicht nur, und zweitens kommt es sehr wohl auf ihre Angemessenheit und Wirkung an. Es gibt keine von Sozialisationseinflüssen unabhängigen Bildungsprozesse, und die Schule wird auch mit ClassDojo nicht zur »totalen Institution«.

    RS : Die Bedenken, die man mit Blick auf den Einsatz solcher Apps hört, richten sich zumeist auf die Gefahr des gläsernen Lerners und die Sicherheit der Daten. Beruhigung sucht man dann in entsprechenden Sicherheitsvorschriften und Zugangsregeln. Abgesehen davon, dass Gesetze bekanntlich keinen Hack oder anderen Missbrauch verhindern können, ist die Sicherheit der Daten im Grunde aber ein nachgeordnetes Problem. Zunächst müsste der psychologische und politische Effekt des Vermessungsparadigmas diskutiert werden: die Reduktion komplexer Interaktionen auf automatisierte Steuerungsprozeduren, die Machtverhältnisse (lesen ...)

  • Calm Images. Bildproliferation und Bildlosigkeit im Internet der Dinge

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    Wer im Internet nach Dingen sucht, die selber im Internet sind, kann sich an Shodan wenden. Benannt nach einer sinistren Figur aus der Cyberwelt des Video-Games System Shock , die dort als Künstliche Intelligenz ihr Unwesen treibt, scannt die seit 2009 aktive Suchmaschine das Internet der Dinge (IoT) nach IPv4- und IPv6-Adressen ab, hinter denen sich Akteure verbergen, die vernetzt, nichtmenschlich und nicht selten relativ ungesichert unterwegs sind. Letzteres erfährt Shodan über eine Ping-Anwendung, die ein Echo-Request-Paket an die Zieladresse eines Hosts schickt. Dieser wird im Zuge der Datenübertragung gefragt, ob er mit einem Rechnernetz verbunden ist und welche Informationen er ohne Überwindung weiterer Passwortschranken zu teilen bereit wäre. Shodans Crawler registrieren unter diesen technischen Voraussetzungen ein erstaunliches Ausmaß an Kommunikationsbereitschaft. Wo man chiffriertes Abwehrschweigen und Rauschen erwarten würde, zirkulieren ziemlich klare Signale.

    Das Spektrum netzwerkfähiger, auskunftsbereiter Dinge reicht von Kaffeemaschinen, Kühlschränken, Home-Entertainment-Anlagen, Druckern, Fensterrollläden, Türschlössern, Steckdosen, Heizungsthermostaten, Routern, Festplatten mit Cloud-Funktion bis hin zu veritablen Infrastruktur-Akteuren, die bei Shodan über den Suchbegriff »Scada« auffindbar sind. Hinter dem Kürzel für »Supervisory Control and Data Acquisition« stehen vernetzte Computersysteme, die Industrieanlagen, Heizkraftwerke, Pipelines oder auch Verkehrssysteme überwachen und steuern. Nicht nur aus sicherheitstechnischen Erwägungen wäre es eigentlich intelligenter, wenn etwa die Heizungssteuerung smarter Häuser weniger öffentlich agieren und sich, wenn überhaupt, nur verschlüsselt mitteilen würde. Zumal sich IP-Adressen vergleichsweise einfach und ziemlich standortgenau lokalisieren lassen – ein Service, den Shodan gleich mitliefert.

    Das Internet der Dinge – in der gegenwärtigen Konsumentenrealität nicht selten sicher auch: »das Internet der Dinge, die wir nicht brauchen« (Ian Bogost) – lässt sich hier im Weltkartenbild erkunden. Von der Verortung und funktionalen Identifizierung eines IoT-Dings zu seiner feindlichen Übernahme und Fremdsteuerung ist es dann immer noch ein durchaus weiterer Weg. Wie viele Dinge nicht nur sagen, dass sie vernetzt und aktiv sind, sondern auch, was für Dinge sie sind, wo ihr Standort ist, für welche Datenakquisen sie sich zuständig fühlen und was sie den ganzen Tag über so tun, sollte jedoch nicht nur IT-Sicherheitsforscher beunruhigen, die Shodan laut Geschäftsmodell als Zielgruppe adressiert – mit einer sich schon für 49 Dollar bereitwillig öffnenden Datenbank voller Informationen zu vernetzten Dingen und ihren Sicherheitslücken.

    Einer allgemeineren Öffentlichkeit trat Shodan zuletzt 2016 ins Bewusstsein, als Autoren des Webmagazins Ars Technica darlegten, dass zu den besonders ungesicherten IoT-Dingen gerade auch Web- und Netzwerkkameras gehören, die mit »hartcodierten«, also benutzerseitig nicht ohne Weiteres modifizierbaren Passwörtern ausgeliefert werden. In sogenannten DDOS-Angriffen ( Distributed Denial of Service ) werden Hunderttausende korrumpierte IoT-Geräte, die etwa durch die auf billige Webkameras spezialisierte Schadsoftware Mirai infiziert wurden, zu Bot-Netzen verbunden, um durch Überlastangriffe Online-Dienste lahmzulegen.

    Illustriert war der Ars Technica -Beitrag allerdings nicht mit rauchenden Serverfarmen, sondern mit dem Screenshot eines Videofeeds, dessen Bildmaterial einen arglos schlafenden Säugling in seinem Kinderbett zeigte. Wenn das für die Übertragung zuständige Real Time Streaming Protocol (RTSP) nicht effektiv verschlüsselt ist, wird aus vermeintlich nur in privaten »Heimnetzwerken« zirkulierenden Stream-Bildern schnell ein offener Feed, der ohne größeren Aufwand als solcher identifiziert und angezapft werden kann. Dienste wie Shodan oder Censys (Motto: »understand your public-facing infrastructure«) verteilen so gesehen Eintrittskarten zu einer Art panoptischem Broadcasting.

    Die (lesen ...)

  • Im Dreieck springen: Öffentlichkeit, Privatsphäre und der Markt

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    Die Trennung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten scheint eine der grundsätzlichen Grenzziehungen in der modernen bürgerlichen Gesellschaft, wichtiger noch als alle anderen Gegensätze, die über lange Zeit das Leben der Menschen strukturiert haben mögen: Mann und Frau, Stadt und Land, Heiliges und Profanes, Tag und Nacht, Freie und Unfreie. Zugleich nimmt in unserer Gesellschaft der Markt eine zentrale Rolle ein. Misst man den Grad der »Marktintegration« einer Gesellschaft durch den Anteil der Kalorien, die von den Konsumenten nicht selbst erzeugt, sondern durch Kauf hinzuerworben werden, so kommt man für eine westliche Industriegesellschaft ziemlich genau auf 100 Prozent. Zu Recht lässt sich mithin sagen, dass wir in einer Marktgesellschaft leben. Aber wie verhalten sich diese beiden Grundtatsachen des modernen Lebens zueinander? Auf welche Seite der Dichotomie von Öffentlichem und Privatem gehören die Markttransaktionen – wenn man also auf dem Wochenmarkt einkauft, ein Buch bestellt, die Babysitterin bezahlt oder, weniger alltäglich, wenn man beim Notar den Kaufvertrag für eine Immobilie unterzeichnet oder die Rechnung einer Adoptionsagentur begleicht?

    Die Literatur ist sich lediglich darin weitgehend einig, dass der Markt auf eine der beiden Seiten der Dichotomie gehört – unterschiedlicher Meinung ist man indes, auf welche. Manche Autoren schlagen den Markt dem Privaten zu . Und dies ist auf den ersten Blick auch plausibel, da der Markt wesentlich auf den privatrechtlich garantierten Grundfreiheiten des Vertrags, des Berufs und vor allem natürlich der freien und exklusiven Verfügungsgewalt über das Privateigentum gründet. Privateigentum und Privatsphäre verweisen nicht zufällig in ihren Namen aufeinander. Noch die Person  – also das bürgerliche Individuum und Rechtssubjekt, mithin der substantielle Kern des Privaten – konstituiert sich für die Sozialphilosophen der Neuzeit durch das Privateigentum, nämlich das Eigentum, welches die Person an sich selbst hat. [2. Margaret Jane Radin, Property and Personhood. In: Stanford Law Review, Nr. 34 /5, Mai 1982.]

    Andere Autoren verfahren derweil mit derselben Selbstverständlichkeit umgekehrt und verstehen den Markt als Teil der dem Privaten entgegengesetzten Sphäre des Öffentlichen. Und auch diese Einschätzung ist nicht unplausibel. Denn der Markt ist in der Tat ein Ort, an dem formelle Regeln herrschen und eine Logik, die auf private Befindlichkeiten keine Rücksicht nimmt. Im Zuge einer voranschreitenden »Kommodifizierung« werden mit Erziehung, Bildung und Pflege angestammte Kernelemente des Privaten zusehends in Dienstleistungen überführt. [3. Vgl. Margaret Jane Radin, Contested Commodities. Cambridge /Mass.: Harvard University Press 1996.] Gegen eine zumal seit der neoliberalen Revolution der 1970er Jahre immer aggressivere Marktlogik wird nun das Private selbst als Schutzraum und Refugium mobilisiert. Die Person wechselt dementsprechend nun grundsätzlich die Rollen. Sie tritt nicht mehr als ultimativer Agent des Marktes auf, sondern setzt der Kommodifizierung in ihrer moralischen und körperlichen Integrität eine Grenze: Handel mit Menschen und Organen ist illegal, Leihmutterschaft ist hoch umstritten, Prostitution Gegenstand hitziger Debatten.

    Irgendetwas kann mit diesen Dichotomien also nicht stimmen. Das überrascht allerdings nicht: Wenn wir über unsere heutige gesellschaftliche Wirklichkeit noch in den Begriffen von »Polis« und »Oikos« – als den antiken Urbildern von Öffentlichkeit und Privatem – sprechen, werden wir der erheblichen Eigendynamik nicht gerecht, die der Markt und die Sphäre des Wirtschaftlichen entwickelt haben, seit sie sich aus dem Oikos emanzipierten. [4. Manche Autoren wollen dies als Hinweis auf eine Binnendifferenzierung innerhalb des Privaten verstehen. So schreiben die beiden amerikanischen Rechtswissenschaftler Elizabeth Mensch und Alan Freeman: »Die Teilung von Öffentlichem und Privatem wiederholt sich innerhalb des privaten Bereichs, am deutlichsten in der Dichotomie von Markt und Familie« (Betty Mensch /Alan Freeman, Liberalism’s Public /Private Split. In: Tikkun, Nr. 3 /2, 1988). Solche Vorstellungen resultieren offenkundig aus dem ziemlich krampfhaften Versuch, an der Dichotomie von Öffentlichem und Privatem unbedingt festzuhalten und jede neue Konstellation wieder nur im selben begrifflichen Koordinatensystem zu beschreiben.] Der Markt fordert heute sowohl die Privatsphäre als auch die Sphäre von Politik und Öffentlichkeit beständig heraus – Max Weber sprach mit (lesen ...)

  • Die Feminisierung der Migration oder der neue emotionale Imperialismus

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    In der 1993 erschienenen und seitdem immer wieder aufgelegten Studie Age of Migration stellten Stephen Castles und Mark J. Miller fest, dass Migration angesichts des immer größer werdenden Nord-Süd-Gefälles für arme Menschen zu einer privaten Lösung für ein öffentliches und globales Problem geworden ist.   Dieser Trend hält an. 2017 stieg die Zahl derjenigen, die ihr Heimatland auf Dauer verlassen, auf weltweit 257,7 Millionen. [2. https://migrationdataportal.org/?i=stock_abs_&t=2017] Eine der problematischen Folgen dieser Entwicklung ist das Phänomen des brain drain , der Abfluss von gut ausgebildeten, professionellen Beschäftigten (oder aber auch Arbeitslosen) aus ihren Herkunftsländern, in denen sie meist eine teure Bildung erhielten, hin zur wirtschaftlich entwickelten Welt – in der Hoffnung auf ein besseres Leben mit höherer Lebensqualität.

    Die Senderländer profitieren dabei von der Migration, weil sie die Arbeitslosigkeit senkt und nach Angaben der Weltbank mit Transfers von über 500 Millionen Dollar pro Jahr dreimal so viele Devisen einbringt wie durch offizielle Entwicklungshilfe und direkte Auslandsinvestitionen ins Land kommen. [3. International Migration at All-Time High. In: The World Bank, Migration and Remittances Factbook 2015 ] Letztlich jedoch verlieren sie mehr als sie gewinnen. Anders die Empfängerländer. Sie profitieren von der harten, aber unterbezahlten Arbeit der Migranten. Mit deren Hilfe lässt sich der Arbeitskräftemangel in der Informationstechnologie oder der Gesundheits- und Haushaltsfürsorge verringern, Migranten ermöglichen Mittelschichtfamilien die private Betreuung von Kindern oder Älteren – ein begrenzter Ausgleich für den immer weiter schrumpfenden Sozial- und Wohlfahrtsstaat. [4. Geraldine Pratt, Working Feminism. Philadelphia: Temple University Press 2004.]

    Waren es in der Vergangenheit vornehmlich Männer, die die Heimat verließen, um ihre Familien versorgen zu können, und kamen (ihre) Frauen, wenn überhaupt, als Nachzüglerinnen hinterher, hat sich dies in den letzten Jahren so massiv verändert, dass heute von einer »Feminisierung der Migration« die Rede ist. Mehr als die Hälfte der Migranten sind mittlerweile Frauen – aus den Philippinen sind es sogar 70 Prozent. Im Lauf der Zeit wurden Migrantinnen, die in Branchen wie Gesundheit, Gastronomie, Hotelwesen, Haushalt sowie der Pflege und Betreuung von Kindern, Älteren oder Kranken arbeiteten, oftmals zur Haupt- oder sogar einzigen Einnahmequelle für ihre Familien. Saskia Sassen bezeichnete das als »Feminisierung des Überlebens«: Nicht »nur« Haushalte, sondern ganze Gesellschaften, Regierungen, Regionen und Staaten sind immer stärker abhängig von der Arbeit der Frauen. Damit wird die schwere Last, für das Wohlergehen aller Beteiligten zu sorgen, auf die Schultern von unterbezahlten, benachteiligten und ausgebeuteten Migrantinnen gelegt. [5. Saskia Sassen, Counter-geographies of Globalization, Feminization of Survival. In: Krimild Saunders (Hrsg.), Feminist Post-Development Thought. London: Zed Books 2002.]

    Die Wirtschaftswissenschaftlerin Selmin Kaşka nennt fünf Gründe für den globalen Anstieg des Bedarfs an Haushaltsangestellten, die es zu rekapitulieren lohnt. Erstens führt das Schwinden des Wohlfahrtsstaats in vielen europäischen Staaten zur Abschaffung oder Einschränkung von ehemals kostenlosen Leistungen. Zweitens sind demografische Faktoren, vornehmlich das Älterwerden der Bevölkerung, von großer Bedeutung. Die Veränderung der sozioökonomischen Rolle der Frauen, die nach Möglichkeiten suchen, Familie und Karriere zu vereinbaren, ist ein wichtiger dritter Faktor. Als vierter Grund werden die weitergehende Kommodifizierung und Kommerzialisierung der Haus-, Fürsorge- und Pflegearbeit genannt, die seit jeher unbezahlte Arbeit war (und auch weiterhin oft unbezahlt bleibt). Fünftens ist da die Tatsache, dass die Beschäftigung von »Fremden« für häusliche Arbeit in einigen Staaten ein Statussymbol ist, das auch viele Frauen, ob sie Teil der erwerbstätigen Bevölkerung sind oder nicht, nicht missen wollen. [6. Selmin Kaşka, The New International Migration and Migrant Women in Turkey. The Case of Moldovan Domestic Workers. Migration Research Program at the Koç University, 2005–2006.]

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