• Über meinen Lehrer Hans Blumenberg

    Nachteil des Alters: Man kann nichts mehr werden – Ausnahmen wie der erste Bundeskanzler bestätigen die Regel. Durch Einverständnis lässt sich das Manko ins Gegenteil verkehren (nolentem trahunt, volentem ducunt fata)Vorzug des Alters: Man will nichts mehr werden – außer noch älter; nicht zuletzt davon hängt die Alterszufriedenheit ab. Man steht nicht mehr unter dem Druck, dem die jungen Kollegen, die noch etwas werden wollen, ausgesetzt sind, nämlich anderen etwas beweisen zu müssen; man muss niemandem mehr etwas beweisen als allenfalls sich selbst, nämlich dass – und was – man noch schafft: in körperlicher Hinsicht eine bestimmte Anstrengung wie zum Beispiel vier Kilometer am Stück zu schwimmen, in geistiger, dass man noch ein Buch zustande bringt in der restlichen Zeit. Je weniger einem davon bleibt, je kürzer die Ausblicke nach vorne hin werden, umso mehr schaut man zurück in die immer tiefer werdende Vergangenheit und auf die immer reicheren Erfahrungen, die man gemacht hat. (mehr …)

  • Das deutsche Volk

    Ich bin in der sogenannten Heimat, aus der ich mit achtzehn so schnell und so weit geflohen bin, wie es ging (teuflische 8888 Kilometer weit, hat mir ein Online-Entfernungsrechner ausgerechnet). Es ist heiterer geworden dort: Auf dem Feldweg grüßt man einander, anstatt starr zur Seite zu blicken, in den Knick. Die Feld- und Waldlandschaft, in die die Einfamilienhaussiedlung sich drückt, ist kein Ort mehr, an dem man sich vor dem letzten Krieg versteckt, vor dem nächsten Krieg, kein Bunker mehr, in dem man nicht gefunden werden darf, zum Beispiel vom nächsten Diktator und seinen Verführungskünsten. Protect me from what I want. (mehr …)

  • Die statistische Übermacht oder: Eine Verteidigung der Theorie

    In seinem Aufsatz zur Replikationskrise behauptet Aubrey Clayton, er habe einen großen Denkfehler aufgedeckt und sei damit einem Problem, vor dem die Wissenschaft steht, auf die Schliche gekommen.1 Doch er deckt das Problem nicht nur auf, als Mathematiker hat er auch eine Antwort parat: Bayes’ Statistik. Diese Antwort ist unzureichend, denn erstens ist diese Antwort der Wissenschaft selbst schon eingefallen, und zweitens wird der Satz von Bayes alleine die Replikationskrise nicht lösen. (mehr …)

  • Flugstunde. Eine Geschichte aus dem April 2020

    lle müssen sich umstellen, heißt es. Das ist für keinen leicht, sagt die Nachbarin und verabschiedet sich in ihre Wohnung. Die Kanzlerin sagt es auch, sie ist schon in ihrer Wohnung, aber man kann nicht viel erkennen. Es wäre zu schön, mal zu sehen, ob sie auch so eine Schrankwand und eine Sitzecke mit Stehlampe hat wie andere Leute. (mehr …)

  • Ein Gespräch über Bäume

    »Was sind das für Zeiten, wo || Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist || Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!« Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Philosophie – ein langes, fortgesetztes Gespräch mit einem von jenen »alten Büchern«, an die schon Brecht sich so gern gehalten hat – einem selbst schon vielleicht nicht gerade wie ein Verbrechen, so doch wie eine Flucht vorkommt … ein Gespräch mit der Philosophie als Gespräch über Bäume? (mehr …)

  • Seuche der Menschen, Seuche des Staates

    Präsident Washington, als furchtloser Feldherr in die Annalen eingegangen, hat das Weite gesucht, als 1796 das Gelbfieber in Philadelphia ausgebrochen ist: »Mein Wunsch war es«, erläutert er seinem Sekretär, »noch länger zu bleiben – da aber Mrs. Washington nicht bereit war, mich inmitten des heimtückischen Fiebers zurückzulassen, schien es mir unverantwortlich, sie und die Kinder damit zu belasten, dass ich noch weiter zugegen bin.«1 Und weg war er. (mehr …)

  • Hexen und Leihmütter. Silvia Federicis Kapitalismustheorie

    Jede Theorie des Kapitalismus steht und fällt mit der Entscheidung, welche Aspekte seiner Geschichte sie ein- oder ausschließt. Im historischen Material, auf anekdotischem oder definitorischem Weg gewonnene Behauptungen der wesentlichen Merkmale des Kapitalismus implizieren Setzungen über seine räumliche und zeitliche Ausdehnung. So hat die Definition als kapitalintensive Massenproduktion nicht nur den Effekt, Kapitalismus, Wirtschaftswachstum und industrielle Revolution bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander zu schieben. Sie führt auch dazu, dass bestimmte Weltregionen und Epochen aus der Geschichte herausgeschrieben werden.1

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  • Le Roi-Machine. Der ungewöhnliche Intellektuelle Pierre Rosanvallon

    »Unsere politischen Systeme können als demokratisch bezeichnet werden, doch demokratisch regiert werden wir nicht.« So beginnt Pierre Rosanvallons Buch Die gute Regierung.1 Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte, so dessen Grundthese, habe eine politische Verschiebung weg vom Modell der Demokratie parlamentarisch repräsentativen Zuschnitts, hin zu einem Primat der Exekutive stattgefunden. In mehr und mehr Ländern lasse sich eine »Tendenz zur Präsidialisierung« beobachten, selbst da, wo es sich, wie im Fall Großbritanniens, nominell weiterhin um parlamentarische Demokratien handele. (mehr …)

  • Orientierungssinnlosigkeit

    »Und an dem Ufer steh ich lange Tage, || Das Land der Griechen mit der Seele suchend; || Und gegen meine Seufzer bringt die Welle || Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.« Iphigenie steht also an der Küste der Krim und blickt übers Meer gen Südwest. Sie sehnt sich nach Hause, und weil der Dichter ihr Sehnen als Suchen bezeichnet, darf man auch sagen, sie orientiert sich Richtung Heimat, ganz wie das damit herangezogene Wortfeld erlaubt, das Pathos des Heimwehs durch die schlichte Angabe der Himmelsrichtung zu ersetzen. Von da nämlich kommt der Ausdruck her, wie der Philosoph aus dem heutigen Kaliningrad (so viel nördlicher noch als die Krim) kurz vor Erscheinen der Iphigenie in Erinnerung gerufen hat: »Sich orientieren heißt, in der eigentlichen Bedeutung des Worts: aus einer gegebenen Weltgegend (in deren vier wir den Horizont einteilen) die übrigen, namentlich den Aufgang [Orient] zu finden. Sehe ich nun die Sonne am Himmel, und weiß, daß es nun die Mittagszeit ist, so weiß ich Süden, Westen, Norden und Osten zu finden.«1

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  • Aufklärung und Kapitalismus (II)

    Kleinjogg baut reichlich Bohnen, Erbsen, Kohl und andere Küchengewächse an, nicht wegen der Vitamine, sondern weil er rechnet. Mit dem Gemüse nämlich kann er den Sommer über seine große Familie ernähren. Die Nachbarn dagegen essen ihr Getreide als Mehl, Grütze und Brot das Jahr über zu ihren Mahlzeiten auf, das heißt sie verzehren den Vorrat, »welcher ihnen das nöthige Geld zu den Unkosten, welche die Verbesserung erfodert, zuwegebringen sollte«.1 Die Marktwirtschaft ist auf dem Küchentisch der Selbstversorger angekommen und wird nicht aufhören, den Haushalt zu verändern, bis alle unsere modernen Haushalte nur noch von Warenbeziehungen erfüllt sind.

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