• Erschleichung des Gefühls der Unendlichkeit

    Jetzt ist der Sommer bestimmt da. Wie er wohl aussehen wird? Alles könnte inzwischen passiert sein. Ich schreibe dies im Mai. Lebe ich im Juli noch, oder bin ich tot? Wäre meine Todesursache ein Virus oder die Dummheit der anderen? Oder kommt eine der Krähen, die ich füttere, und hackt mir überraschend doch ein Auge aus? Das wäre dann ein sogenannter Freizeitunfall. (mehr …)

  • Gespräch mit einem Hänfling

    Der Hitzesommer vor drei Jahren hat in der ganzen Siedlung die Hecken verbrannt. Die Hausbesitzer ersetzten ihre Thujenhecken durch Metallgitter mit eingeflochtenen Kunststoffbahnen, alles blickdicht, die ersten architektonischen Zeichen der Klimakatastrophe. Die zugeschnittenen Thujenwände mögen nicht viel schöner gewesen sein, aber sie waren wenigstens Pflanzen, und damit Lebensräume für Spinnen, Insekten und Vögel. Die Hecke an der Grundstücksgrenze meiner Eltern beherbergte jahrzehntelang zwei Amseldynastien – eine lebte vorn an der Straße, die andere genoss das mit vielen Würmern gesegnete Premiumrevier hinten beim Komposthaufen. Die ausgetrocknete Hecke bot den Amseln keinen Schutz mehr, also mussten wir neue Büsche pflanzen. Ein Nachbar schenkte uns seine letzten beiden überlebenden Thujen, wir pflanzten sie ein. (mehr …)

  • Versuch, die Signaturen der zehner Jahre zu begreifen

    Ist es möglich, dass eine Gesellschaft in immer schrillere Erregungszustände gerät, obwohl sie von vergleichsweise weniger und weniger schweren politischen, ökonomischen und kulturellen Erschütterungen getroffen wird? Folgt man Ross Douthat, dem konservativen Kolumnisten der New York Times, trifft genau das für die USA der 2010er Jahre zu.1 Während das Jahrzehnt zuvor dort geprägt war von George W. Bushs umstrittener Wahl zum Präsidenten, von den Terroranschlägen des 11. September 2001, dem sich daran anschließenden »War on Terror« und der Invasion des Irak, von der Weltfinanzkrise und der beginnenden massenhaften Verbreitung der sozialen Medien, trägt nicht diese, sondern erst die folgende Dekade die Signatur von Paranoia und Krisenbewusstsein. (mehr …)

  • Wissenschaftskommunikation in „postfaktischen“ Zeiten

    Im November – kurz bevor die Corona-Krise den erklärenden Wissenschaftler zum Medienstar machen sollte – hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in einem Grundsatzpapier einen »Kulturwandel hin zu einer kommunizierenden Wissenschaft« angemahnt. Besonders viel mahnen muss es eigentlich nicht, denn an den Forschungseinrichtungen im Land hat sich längst herumgesprochen, dass, wer Geld bekommen und als relevant wahrgenommen werden möchte, nicht nur forschen, sondern auch darüber reden muss. Die Rektorate und Präsidien der Universitäten dirigieren größere Pressestäbe und investieren massiv in die Außendarstellung – vom Corporate Design bis zur Hochglanzbroschüre –, und Sonderforschungsbereiche verfügen über eigene Teilprojekte, die einzig dazu da sind, die Forschungsergebnisse unter die Leute zu bringen. (mehr …)

  • Der Jüngste der großen Verdunkelten. Ein neuer Blick auf Karl Kraus

    Kaum je in der Kulturgeschichte dürfte es ein so dichtes Geflecht, ein so feines Gefädel von frischen Ideen, waghalsigen Vorschlägen und beispiellosen Begabungen, mit einem Wort: von Neuem gegeben haben wie in Österreich, speziell Wien, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vor der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs. Jeder Ismus saß vom anderen oft buchstäblich nur einen Kaffeehaustisch entfernt, in einem Zusammenhang, der kosmopolitisch war, aber sich durch höchstpersönliche Ansteckung vermittelte. Nicht alles, was hier ausgeheckt wurde, wies in die Zukunft, und nicht alle Zukunft, in die es wies, war eine strahlende. Doch drei Namen, die von hier in die Welt wirkten, sind immer noch jedem präsent: Franz Kafka, Sigmund Freud und Adolf Hitler. (mehr …)

  • Aporien der Kritik. Eike Geisel und die Juden

    »Der Skandal besteht darin«, schreibt Eike Geisel am 30. Oktober 1985 in der taz, »daß er zu keinem Zeitpunkt zu befürchten war: keine zweite Beate Klarsfeld trat mit einem gezielten Argument dazwischen, als der Bundeskanzler Montagabend in der Berliner Staatsbibliothek sich vor jüdischen Wissenschaftlern aus aller Welt die Absolution für Bitburg holte. Nur ein schwacher, vereinzelter Zwischenruf erinnerte daran, daß der Geschichtslüge von Bitburg, derzufolge Mörder und Opfer austauschbar seien, nun die Unverfrorenheit folgte, vor die Opfer zu treten.« (mehr …)

  • Der Weltbegriff der Philosophie. Philosophiekolumne

    I

    Vor zweihundertfünfzig Jahren wurde Hegel geboren. Die Auseinandersetzung mit seinem Denken war nie nur eine Angelegenheit der Philosophiegeschichtsschreibung. Stets führte sie auf die Frage, wie Vernunft verfasst sei und in welchem Verhältnis sie zur Wirklichkeit stehe. Hegels Satz »Das Vernünftige ist das Wirkliche, und das Wirkliche ist das Vernünftige« erhebt den Anspruch, dass Vernunft ohne Wirklichkeit keine Vernunft und dass Wirklichkeit ohne Vernunft keine Wirklichkeit sei. Der Satz sagt: Es mag in der Welt viel Unvernünftiges geben, wirklich ist es darum noch nicht; und es mag in unseren Köpfen viel Unverwirklichtes entworfen werden, vernünftig ist es darum noch nicht.

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  • Das Zeitalter der Pandemien: Von der Cholera zu Covid-19

    Am 23. Juli 1851 trafen sich Vertreter von zwölf europäischen Staaten in Paris zur ersten internationalen Gesundheitskonferenz. Das war der Beginn der modernen internationalen Gesundheitspolitik. Erstmals nämlich traten Mediziner neben Diplomaten als offizielle Repräsentanten ihrer Regierungen auf, und durch die von der Pariser Zusammenkunft begründete Tradition solcher Konferenzen wurde die öffentliche Gesundheitsfürsorge als Thema in den internationalen Beziehungen verankert. Dabei ging es den anwesenden Herrschaften in der Regel darum, Europa vor Gefahren aus anderen Teilen der Welt zu schützen. Vor allem die Cholera dominierte den europäischen Vorstellungshorizont, seitdem sich die Krankheit zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals vom indischen Subkontinent aus um den Erdball verbreitet hatte. In Europa war die Cholera forthin als »asiatische« oder »indische Krankheit« verschrien. Den letzten verheerenden Ausbruch im Westen erlebte im Sommer 1892 Hamburg: Innerhalb von Wochen erkrankten 17 000 Menschen in der Hansestadt, mehr als 8000 von ihnen erlagen der Seuche.1 (mehr …)

  • Durch die Blume: Der Fall Emil Nolde

    Im Juli 1933 hängte die Münchner Kunsthändlerin und Hitler-Unterstützerin Erna Hanfstaengl in der Wohnung ihres Bruders Ernst, des Auslands-Pressechefs der NSDAP, drei Werke von Emil Nolde auf, darunter das Ölgemälde Reife Sonnenblumen von 1932. Die Aktion war Teil einer Initiative von Unterstützern wie dem damaligen Direktor der Berliner Nationalgalerie Alois Schardt, die hofften, »Nolde als Apotheose der deutschen Kunstentwicklung erkennbar« zu machen.1 So resümiert Bernhard Fulda im Katalog der Nolde-Ausstellung 2019 in den Staatlichen Museen zu Berlin ein kunstpolitisches Projekt, das lange vor 1933 begonnen hatte. Der Maler selbst sah sich spätestens seit 1908 berufen, »eine große deutsche Kunst […] zu schaffen«, und sprach vom Kampf, der zu führen sei.2 (mehr …)
  • Hausbesuche IV: Bayreuth. Wagner sucht Wagner

    Samstag, 27. Juli 2019

    Wir fahren mit einem Mietwagen von Berlin nach Bayreuth, kommen gegen Mittag bei meiner Cousine an, wir können bei ihr übernachten, und gehen mit ihr und ihrem Mann in einen Biergarten, um uns mit fränkischen Bratwürsten für die Meistersinger von Nürnberg am Nachmittag zu stärken. Weil sie weiß, wie kompliziert es um das Festspielhaus herum mit dem Parken ist, bringt meine Cousine uns in ihrem Auto zum Grünen Hügel hinauf – und dann, wir trinken noch einen Kaffee, sitzen wir auch schon auf den Klappsitzen im Parkett, die keine Armlehnen und keine Polster haben, jede Bewegung der Sitznachbarn links und rechts überträgt sich, in allen Reihen wird mit den buchdicken Programmheften, mit Fächern oder der flachen Hand wild herumgewedelt, denn es ist furchtbar heiß im Festspielhaus. Während der Ouvertüre – heute ist die Wiederaufnahme-Premiere der Inszenierung von Barry Kosky aus dem Jahr 2018 – klingelt das erste Telefon. (mehr …)