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Notizen zu Christoph Möllers‘ „Die Möglichkeit der Normen“
Christoph Möllers‘s neuestes Buch ist der Rechtsphilosophie-Hit des Jahres. Nicht nur, weil das Thema grundsätzliche Bedeutung hat, sondern auch, weil der Autor Träger des Leibnizpreises 2016 und Prozessvertreter der Bundesregierung im NPD-Verbotsverfahren ist, also Theorie und Praxis in seltener Weise verbindet. Der Titel hebt provozierend die Bedeutung der Frage hervor: Wir sind so von Normen umzingelt, dass niemand ernsthaft deren Möglichkeit bezweifeln würde – der Autor will uns mit der Frage wachrütteln, warum wir Normen für so selbstverständlich halten. Auch deshalb treten Juristische Aspekte gegenüber den politologisch/philosophisch/soziologischen in den Hintergrund. (mehr …) -
Merkur im Juni
Das neue Heft ist im Handel. Der Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink begibt sich in seinem philosophischen Essay auf die Spuren Adornos: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen", hatte dieser gemeint. In Wahrheit, argumentiert Schlink, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als ethisch richtig auch dann zu handeln, wenn einem das Ganze falsch scheint. Für hoch problematisch hält Martin Burckhardt populistische Identitätspolitik, die nicht zuletzt in den sozialen Medien als verfolgende Unschuld geriert. Darüber, wie wissenschaftliche Disziplinen funktionieren, denkt Thomas Etzemüller am Beispiel einer "Untoten" nach: nämlich der Disziplin der Rassenanthrophologie. So detailliert wie grundsätzlich wie kritisch setzt sich Fabian Steinhauer mit Christoph Möllers' viel beachteter Studie zur "Möglichkeit der Normen" auseinander. (mehr …) -
Brief aus Wien (IV). Im Schwimmbad
Nachricht von Peter Praschl an Ekkehard Knörer: Sag Hanna, dass sie sich nicht über Wien lustig machen, sondern dass sie es verabscheuen soll. Kurzform einer Nachricht an Peter Praschl: Das will ich nicht. Nachricht von Peter Praschl: Du sollst es aber verachten, dieses Faschistennest. Der Austausch kommt zu einem guten Ende. Wir schicken Küsse von Berlin nach Wien und retour. Während am 22. Mai die Wahllokale öffnen, schwimme ich das erste Mal in diesem Jahr draußen, im Jörgerbad. Der Freibadbereich ist nur so groß wie ein etwas überdimensionierter Privatgarten, mitten zwischen die Altbauten geklatscht. Aus den Fenstern kann man vermutlich selbst von hoch oben noch die kleinsten Dinge erkennen. Alles ist schön und voller Hoffnung an diesem Morgen, die Sonne und die Vögel und die warme Luft und meine Schulter, die nicht mehr weh tut und das Knie, das nicht mehr zieht, und man könnte auch noch was über die Körpermitte sagen. (mehr …) -
Der Neue am Collège de France: Über den Historiker Patrick Boucheron
Die Macht ist weder eine bloße Tatsache noch ein absolutes Recht. Sie zwingt nicht, sie überzeugt nicht. Sie nimmt für sich ein – was ihr leichter fällt, wenn sie sich auf die Freiheit beruft anstatt Angst und Schrecken einzuflößen.
Maurice Merleau-Ponty, „Notiz zu Machiavelli“ (1949)
Erstaunlich, wie selten Historiker mittlerweile der Wucht der über sie hereinbrechenden Geschichte ausgesetzt sind. Nach den Terroranschlägen, die im Januar 2015 Paris erschüttert haben, verspürte Patrick Boucheron – Historiker des Spätmittelalters, Autor in der Gegenwart und seit Dezember 2015 Inhaber eines Lehrstuhls für die „Geschichte der Machtformen in Westeuropa vom 13. bis 16. Jahrhundert“ am Collège de France – das Bedürfnis, diesem Zusammenstoß zwischen Wissenschaft und Lebenswelt gemeinsam mit dem Schriftsteller Mathieu Riboulet auf den Grund zu gehen. Schon im Titel verspricht Prendre dates eine Verabredung mit der Geschichte, auf die niemand gewartet hat. Diese Chronik der Woche vom 6. bis 14. Januar liefert keine Erklärungen, sondern stellt eher eine Versuchsanordnung dar. Es ist ein Dokument des Schocks, der Trauer, der Ausweglosigkeit – eine „Abraumhalde des konfusen Denkens“. Wer Intellektualität mit abgeklärter Distanz assoziiert, war von der aufgewühlten Intimität dieses Berichts überrascht. (mehr …) -
Merkur im Mai
Das neue Heft ist im Handel. "Er hat die akademische Welt erschüttert", schrieb der Nouvel Obs. "Eine Lektion der Freiheit", lobte Les Inrocks. Als "meisterhaft" priesen einmütig Le Monde und Telerama die Antrittsvorlesung des Historikers Patrick Boucheron am Collège de France. Noch bevor sie Mitte Mai in Frankreich in Buchform erscheint, gibt es die Vorlesung zur Frage "Was die Geschichte vermag" als Aufmacher des Maihefts, sozusagen als Weltpremiere, in deutscher Übersetzung im Merkur. Auch im zweiten Essay des Mai geht es um Geschichte: Der Schriftsteller und Historiker Per Leo unternimmt einen "Verkomplizierungsversuch" in Sachen Martin Heidegger, Schwarze Hefte und Nationalsozialismus - und erteilt den Philosophen dabei eine historische Lektion. (Der Text ist online frei lesbar.) Über Abhängigkeit denkt der Philosoph Andreas Dorschel nach, insbesondere darüber, wie sich die Abhängigkeit von Sachen zu der von Personen verhält. In seiner Religionskolumne schildert Friedrich Wilhelm Graf, was bei den Vorbereitungen für das Luthergedenkjahr 2017 jetzt schon so alles durcheinander geht. Um Flucht- und Flüchtlingsbilder im Netz und im Kino, und um die Rede darüber, geht es in Simon Rothöhlers Filmkolumne. Till Breyer stellt in einem Rezensionsessay ein Buch von Jonathan Sheehan und Dror Wahrman vor, das das durch Adam Smith berühmt gewordene Konzept der "unsichtbaren Hand" in seinen ideenhistorischen Kontext stellt. Auf drei Reisen zur Gegenwartskunst hat Robin Detje in Venedig, Istanbul und Berlin Kunst als Kommerz, Kunst mit politischem Anspruch, die brillante Theoretikerin Juliane Rebentisch und den sich in seine "man cave" zurückziehenden Philosophen Alexander Garcia Düttmann erlebt. (Das ist der zweite online frei zugängliche Text.) Jens Soentgen hat die Hoffnung aufgegeben, dass sich dieKlimaziele noch erreichen lassen - und plädiert für Umweltschutz im kleineren Maßstab. Sehr skeptisch sieht der Philosoph Reinhardt Brandt das ökumenische Projekt "The House of One". Eine Charakteristik des Sammelns und des Sammlers hat Christiaan L. Hart Nibbrig verfasst. Remigius Bunia schreibt über das ratsuchende Brüssel und Harry Walter über ein Foto voll "knisternder Erotik". Zwei Worte noch zur Zusammensetzung des Hefts: Der jüngste Autor der Ausgabe ist 1984 geboren, der älteste 1937, die anderen liegen, gleichmäßig über die Geburtsjahrzehnte, dazwischen - das ergibt wie von selbst unterschiedliche Perspektiven. So wünschen wir uns das. Es ist in diesem Heft allerdings keine einzige Autorin vertreten: Das wünschen wir uns wiederum überhaupt nicht. Der Merkur lebt zu einem sehr großen Teil von den Texten, die uns unverlangt zugesandt werden. Es sind leider nach wie vor kaum Angebote von Autorinnen darunter. Natürlich bemühen wir uns auch in der Akquise. Mit, wie man sieht, manchmal sehr begrenztem oder ganz ausbleibendem Erfolg. Die einzelnen Artikel und das ganze Heft in digitalen Formaten können Sie auf unserer Volltextarchivseite anlesen und kaufen, die Printausgabe gibt es versandkostenfrei hier. Eine schön handliche Übersicht über die Aboformen finden Sie wiederum hier. -
Brief aus Wien (III). Nina Simone im Zillertal
Zum Prokrastinieren steht neben meinem Büro die Bibliothek des Forschungszentrums bereit, unter anderem lagern dort Stapel der New York Review of Books, darin las ich dieser Tage eine Rezension von Liz Garbus’ Film What happened Miss Simone, der wie die Rezension mit einem Ausschnitt aus einem Interview beginnt, das ein Reporter des öffentlichen Fernsehens New York 1968 mit Simone führte. Er fragt: „What’s ‚free’ to you?“ und sie antwortet unter anderem: „It’s just a feeling – it’s like how do you tell somebody how it feels to be in love – how do you tell anybody who’s not been in love what it’s like to be in love? You can not do it to save your life.“ Liebe ist eine Live-Veranstaltung, aber das gilt nicht umgekehrt, darum geht es hier. (mehr …) -
Zusammenfassung „Merkur-Gespräche 4: Europas Flüchtlinge“, HKW, 18. April
Zur Übersicht über die Merkur-Gespräche Am 18. April fand im Berliner Haus der Kulturen der Welt das vierte Merkur-Gespräch statt, diesmal zum Thema "Europas Flüchtlinge". Es sprachen erst die Politologen Helmut König und Herfried Münkler, dann die Juristen Christoph Schönberger und Christoph Möllers miteinander. Alexandra Kemmerer respondierte und moderierte dann die Runde mit allen Beteiligten. Hier eine kurze Zusammenfassung des Gesprächs. Eine Videoaufzeichnung des Abends wird demnächst auf dem L.I.S.A.-Portal der Gerda Henkel Stiftung zu sehen sein, die gemeinsam mit der Alfred Toepfer Stiftung die Veranstaltungsreihe möglich macht. (mehr …) -
Brief aus Wien (II). In der Kirche
Emmanuel Carrère sitzt in einem Bergdorf im Wallis und guckt Internetpornos. In seinem Buch Das Reich Gottes beschreibt Carrère dann weiter, wie er ein Lesezeichen für ein Video anlegt, das er wahnsinnig heiß findet, weil die darin gezeigt Brünette, die sich selbst befriedigt, „sexuell gesehen die Quintessenz ‚meines [seines] Typs’“ ist. Ich dagegen lege ein Lesezeichen für eine Abbildung von Rogier van der Weydens Gemälde an, das zeigt, wie der heilige Lukas die Muttergottes malt. Es gibt zu dem Gemälde viel zu sagen, allerdings nicht von mir, ich bin bloß Fan dieses seltsamen Raums und der Brust der Madonna und der Aussicht durch das Seitenfenster und des zufrieden trinkenden Jesuskindes, ansonsten bin ich ahnungslos, es wurde zu dem Gemälde auch schon viel gesagt (so stellt sich die Forschung gerne die Frage, ob diese Madonna einer Person ähnelt, die wirklich gelebt hat). Unter anderem eben von Carrère, der das Bild mit seinen Pornografiestudien zur Quintessenz seines Typs in Zusammenhang bringt: (mehr …) -
Merkur-Gespräche 4: Europas Flüchtlinge
Zur Übersicht über die Merkur-Gespräche Am 18. April 2016 findet das vierte Merkur-Gespräch statt, es beschäftigt sich mit der Flüchtlingskrise. Was die gegenwärtige Debatte um die Flüchtlingskrise so unübersichtlich und schwierig macht, ist unter anderem die Tatsache, dass rechtliche und politische Fragen sich in ihr auf komplexe Weise kreuzen und überlagern. Dazu kommt, dass weder die politischen noch die juristischen Fragen auf nationaler Ebene allein geklärt werden können, sondern auch auf europäischer und internationaler Ebene diskutiert werden müssen. (mehr …) -
Merkur im April
Das neue Heft ist im Handel. Dirk Hoerder blickt im Aufmacher aus historischer Perspektive auf die aktuellen Flüchtlings- und Einwanderungsdebatten. Die Gegenwart bleibt aber der klare Bezugspunkt - wobei Hoerder für die Rede von "Überfremdung" gerade im Vergleich gar kein Verständnis aufbringen kann. Hoerders furioser Essay an dieser Stelle gratis zugänglich. „Die Krise des Rechts in der Krise Europas“ diagnostiziert der Rechtswissenschaftler Christian Joerges. Die Lage ist kompliziert, seine Analyse ist, weil sie auf der Höhe der Materie bleibt, eine nicht immer einfache Lektüre – aber die Anstrengung lohnt sich. Europa steht auch im Zentrum von Wolfgang Matz’ souveränem und kenntnisreichem Überblick über die belletristische französische Literatur zum Ersten Weltkrieg, von Barbusse bis Céline. (mehr …)
