Sexismus an Hochschulen (8 – und Schluss)

Nach 7 Wochen und 29 Texten beenden wir nun mit dem achten digitalen Konvolut das Dossier „Sexismus an Hochschulen“. Das bedeutet nicht, dass wir der Meinung sind, es wäre alles gesagt. Ganz im Gegenteil, wir  hoffen, dass das Nachdenken und die Diskussionen über Diskriminierung an Hochschulen, im Literaturbetrieb, in der Theaterszene und andernorts weitergehen und erst dann ein Ende finden, wenn die Gegebenheiten es nicht mehr notwendig machen, über sie zu debattieren.

Wir glauben, dass die Texte dieses Dossiers dazu beitragen, diesem utopischen Zeitpunkt ein Stückchen näher zu kommen. Schon jetzt haben sie dafür gesorgt, dass an vielen Orten Diskussionen entflammten, die offen und zuhörend ausgetragen wurden. Dies, so glauben wir, ist vor allem dem Ton der Dossier-Texte geschuldet, ihrem Ansetzen an den eigenen Erfahrungswelten und der schieren Masse der dargestellten Erlebnisse. Im potenziell unendlichen Raum eines Blogs konnte hier so eine vielstimmige Unterhaltung entstehen, die kleinteilig aufeinander aufbaute und von gegenseitigem Zuhören und gegenseitigem Respekt geprägt war. Bei einem Thema wie Sexismus ist das keineswegs selbstverständlich.

Ursprünglich startete dieses Dossier als eine Idee für den Merkur-Blog, die Ekkehard Knörer während des Literaturfestivals PROSANOVA  gekommen war. Zuvor war an der Universität Hildesheim eine interne Diskussion über anonyme Sexismusvorwürfe geführt worden, deren Fronten sich zunehmend verhärtet hatten. Auf PROSANOVA diskutierten die Gäste über diese Vorkommnisse, und drückten den Wunsch danach aus, die Debatte öffentlich zu unterstützen.

Ursprünglich waren nur ein, zwei Stimmen zu jedem Literaturinstitut und ein, zwei Absätze von jeder schreibenden Person geplant. Als sich herausstellte, dass bei immens vielen Menschen der Wunsch bestand, die Machtverteilungen an ihren Hochschulen öffentlich zu hinterfragen, bildeten wir eine zunächst improvisierte, später immer klarer agierende Schnittstelle zwischen den Schreibenden und der Merkur-Redaktion (bzw: Ekkehard Knörer). Dabei agierten wir keineswegs als Expertinnen in Sachen Sexismus; wir achteten eher auf eine Netiquette der Beiträge und auf ihre Verständlichkeit. Wie wenig wir eingreifen mussten und wie viele beeindruckende Texte uns erreicht haben, hat sicher zum einen mit der Profession der Verfassenden zu tun; gleichzeitig waren wir jedoch immer wieder beeindruckt, in wie vielen Texten wir eine jahrelange Gedankenarbeit spürten. Ganz offensichtlich war es allerhöchste Zeit für dieses Dossier.

Uns als Mitherausgebende beeindruckte nicht nur die Flut der Texte, sondern auch ihre Bandbreite. Von Anfang an ging es in den Texten nicht nur und nie ausschließlich um Hildesheim, Leipzig, Biel oder Berlin, sondern auch um sexistische und rassistische Ungleichheiten außerhalb der Akademie, die sich in unterschiedlichen Habitus in der Lehrsituation äußern. Ein Befragen der Lehrsituation bedeutet also immer auch ein Befragen der Welt, des Gepäcks der einzelnen Personen: ihrer Unterschiede in Herkunft, Aussehen, Geschlecht und Pass und der damit einhergehenden Erfahrungen, ihres Lektürehintergrundes, ihres familiären Backgrounds. Was solche Unterschiede mit Menschen machen, wie sie Wahrnehmungen, Chancen und Motivationen beeinflussen, dokumentiert dieses Dossier für ein spezifisches Feld, das der Schreibschule und ihrer Umgebung. Und so unterschiedlich die Erfahrungen auch sein mögen, so ist doch aus den Texten gemeinsam herauszulesen, dass auch dieses spezifische Stück Gesellschaft weit entfernt davon ist, egalitär zu sein.

Nun gilt es also, die eine große und die vielen kleinteiligen Erkenntnisse des Dossiers in die professionelle und private Alltagswelt zu tragen. In Hildesheim formierte sich gleichzeitig zum Dossier eine Studierendengruppe, die an der konkreten Situation ihres Instituts Veränderungen schaffen will, eine Arbeit, die sie zum Teil auf dem PROSANOVA-Blog dokumentiert. Und wir selbst schleifen an Veranstaltungen, um die Diskussion persönlich weiterzuführen und weiter zu drehen. Aber vor allem hoffen wir, dass die Menschen, die unser Dossier verfolgt haben, ihre Wahrnehmung erweitern konnten und zukünftig etwas sensibler getunt durch die Welt laufen werden. Wir werden es ganz sicher tun.

Wir schließen dieses Dossier mit drei letzten Beiträgen: einer Replik von Darja Stocker auf die zahlreichen Reaktionen zu ihrem hier erschienenen Text “Und was hat das mit Sexismus zu tun?”. Sabine Scholl formuliert Wünsche an den Lehrbetrieb der Zukunft und Felix Schiller fragt sich, wie man sich nun eigentlich zu verhalten habe, “als weißer, heterosexueller Mann im mittleren Alter”. Alle drei Beiträge geben sicherlich wieder zahlreiche Anknüpfungspunkte für Gespräche. Wir hoffen, dass diese an zahlreichen Stellen fortgeführt werden.

Dank geht an Joceline Ziegler, Prakikantin des Merkur, für ihre enorme Hilfe bei der redaktionellen Betreuung des Dossiers.

Links zu den vielen Reaktionen und Beiträgen auf anderen Plattformen und Medien finden Sie hier.

Alle im Rahmen des Sexismus-Dossiers erschienenen Texte finden Sie hier in chronologischer Reihenfolge ihres Erscheinens:

Shida Bazyar: Bastelstunde in Hildesheim oder Warum ich in Hildesheim lernte dass der eine -ismus mich davon abhält über den anderen zu reden

Alina Herbing: Spaß haben und blödes Zeug reden

Martin Spieß: Teil des Problems

Lena Vöcklinghaus: Schreibschultagebuch, transatlantisch

Katja Brunner: ::: EINE KLEINE sehr unvollständige REDE AN DIESE LUSTIG GELAUNTE WELT

Katherin Bryla: Konkurrenz und Kanon

Özlem Özgül Dündar: die erstbeste

Ursula Kirchenmayer: „Ich fand Sie schon immer so exotisch“

Anke Stelling: Größer als null

Donat Blum: Wie ich zum Feministen wurde – und was das mit dem Schweizerischen Literaturinstitut zu tun hat: wenig

Paula Fürstenberg: Lesen, schreiben, lernen, wüten, ausblenden. Und von vorn

Martina Hefter: Ein paar ehrliche Anmerkungen zur Sexismusdebatte

Lene Albrecht, Magdalena Schrefel: FRAGENKATALOG SSIS – If, Then, Else

Stefan Mesch: Austeilen, Abgrenzen, Angstmachen, Einstecken.  Fünf Jahre als Schreibschüler

Tatjana von der Beek: Plädoyer für eine einfühlsame Sachlichkeit

Jana Zimmermann: Wir würden dann jetzt weitermachen

Berta Belly: Zurück in die Gegenwart – Geschlechterbeziehungen an der Kunsthochschule

Helene Bukowski: Mädchenbande

Sebastian Polmans: Mitakuye Oyasin

Joceline Ziegler: An uns scheitert es nicht, wenn du dich ausziehen willst. Ausflug zu einer ganz normalen Uni

Paul Brodowsky/Florian Kessler: Der blinde Fleck

Christiane Frohmann: Wirklich nett gemeinter Sexismus: Ein etwas länger zurückreichender Blick, im Gegenstand aber wohl zeitlos

Berit Glanz: Vier Gedankensplitter zur Frage nach Sexismus in den Geisteswissenschaften

Rea Mair: Ich bin die Schreibschule. Fragt mich mal, wie ich sein will! Nämlich anders.

Sandra Gugic: FuckAbilities

Darja Stocker: Und was hat das mit Sexismus zu tun?

Darja Stocker: Was hat das mit Sexismus zu tun? Eine Replik

Felix Schiller: Du musst nicht performen

Sabine Scholl: Die Dozentin

 

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